Letztes Update am Mi, 24.08.2016 11:37

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Türkei rückt auch mit Bodentruppen auf nordsyrisches Jarablus vor



Ankara/Damaskus (APA/AFP/dpa/Reuters) - Nach dem Beginn von Luftangriffen auf die Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) im Grenzort Jarablus in Nordsyrien startet die türkische Armee offenbar auch eine Bodenoffensive. Mehrere türkische Panzer drangen auf syrisches Gebiet vor und nahmen IS-Stellungen in Jarablus unter Beschuss, wie mehrere Augenzeugen am Mittwochvormittag übereinstimmend berichteten.

Der Einsatz wurde auch von türkischen Militärkreisen bestätigt. Neben den Panzern passierten am Mittwoch weitere Militärfahrzeuge die Grenze, bei den Insassen handelt es sich mutmaßlich um Rebellen der gemäßigten Freien Syrischen Armee (FSA), die von Ankara unterstützt werden. Die Milizen seien westlich von Jarablus nach Syrien vorgerückt, sagte der Vorsitzende des oppositionellen Lokalrates der Stadt, Mahmoud al-Ali. Es handle sich um eine „groß angelegte Militärkampagne“. Die Rebellen hätten dabei einen Verteidigungsgraben überquert, der vom IS ausgehoben worden sein.

Bei den Luftangriffen zur Rückeroberung von Jarablus - genannt „Schutzschild Euphrat“ - wird die Türkei von der internationalen Anti-IS-Koalition unterstützt. Die Offensive sei um 4.00 Uhr Lokalzeit gestartet worden, erklärte Präsident Recep Tayyip Erdogan in Ankara. Der Einsatz der Armee sei „gegen Bedrohungen gerichtet“, die für die Türkei von Terrororganisationen wie dem IS oder der syrischen Kurdenmiliz YPG ausgingen. „Hinter diese Angriffe muss jetzt ein Schlusspunkt gesetzt werden“, forderte Erdogan. „Das müssen wir lösen“.

Bereits am Dienstagabend hatte die türkische Regierung laut Medienberichten die Evakuierung des türkischen Grenzorts Karkamis angeordnet, der gegenüber von Jarablus auf der anderen Grenzseite liegt. Karkamis war zuvor von IS-Seite mit Mörsergranaten beschlossen worden, die türkische Armee erwiderte das Feuer. Auch am Mittwoch schlugen erneut Mörsergranaten nahe Karkamis ein, verletzten aufgrund der Evakuierung der Stadt jedoch niemanden.

Jarablus ist eine der letzten größeren IS-Bastionen an der Grenze zur Türkei. Der Ort liegt rund 35 Kilometer nördlich der Stadt Manbij, die erst kürzlich von einem Bündnis unter Führung der syrischen Kurden-Miliz YPG zurückerobert worden war.

Die Kurdenmiliz ist ein wichtiger Verbündeter der USA im Kampf gegen den IS in Syrien. Allerdings hat die Türkei mehrfach vor einem weiteren Vorrücken der Milizen gewarnt. Ankara sieht die YPG ebenso wie die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK als terroristisch an und will unter allen Umständen vermeiden, dass an seiner Südgrenze ein zusammenhängendes Herrschaftsgebiet der Kurden entsteht. Erst Anfang der Woche hatte die Türkei Stellungen der Kurdenmiliz in der Nähe der Stadt Manbij beschossen.

Heftige Kritik an der türkischen Offensive kam am Mittwoch auch postwendend vom Co-Vorsitzenden der syrischen Kurdenpartei PYD, Salih Muslim. „Die Türkei ist im syrischen Sumpf“, schrieb er auf Twitter. „Sie wird besiegt werden wie Daesh.“ Daesh ist die arabische Abkürzung für die Terrormiliz IS.

Der türkische Vizeministerpräsident Numan Kurtulmus bezeichnete die Rückeroberung des Grenzorts im einem Interview mit dem privaten Fernsehsender NTV als „nationale Sicherheitsangelegenheit“. Es ist das erste Mal seit dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch türkische Jets im November 2015, dass die türkische Luftwaffe IS-Stellungen in Jarablus bombardiert.

Am Mittwochvormittag traf US-Vizepräsident Joe Biden zu politischen Gesprächen in der türkischen Hauptstadt Ankara ein. Biden ist der erste westliche Spitzenpolitiker, der das Land seit dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli besucht. Die Beziehungen zwischen den USA und ihrem wichtigen NATO-Partner Türkei stecken derzeit in einer tiefen Krise.

Ein zentrales Thema bei den Gesprächen wird das Auslieferungsgesuch der türkischen Regierung für den islamischen Prediger Fethullah Gülen sein, der seit 1999 im Exil in Pennsylvania lebt und lange Jahre ein enger Vertrauter des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan war. Ankara macht den 75-jährigen Gründer der einflussreichen Hizmet-Bewegung für den Umsturzversuch verantwortlich, obwohl er jede Verwicklung bestreitet. Washington fordert konkrete Beweise für eine Auslieferung.




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