Letztes Update am Mi, 24.08.2016 15:37

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erdbeben in Mittelitalien - Expertin: Alte Häuser sind Hauptproblem



Arquata del Tronto (APA) - Nach dem Erdbeben in Mittelitalien ist die Bergung zahlreicher verschütteter Menschen nach wie vor schwierig. Ein Grund dafür ist, dass die Region viele kleine Orte hat, die schwer zu erreichen sind. Straßen sind durch Geröll blockiert. Ein Krankenhaus der Region und ein Katastrophen-Koordinations-Center wurden zerstört. Eine Expertin sprach mit der APA über die Hauptprobleme in solchen Gebieten.

Die am stärksten betroffenen Gemeinden waren Amatrice, Accumoli und Arquata del Tronto. Die drei Orte haben gemeinsam mehr als 70 Nachbarorte, die noch nicht alle erreicht wurden. Laut der Expertin Anna Scolobig von der ETH Zürich, die mit dem IAASA-Institut (International Institute for Applied Systems Analysis) zusammenarbeitet, ist das Hauptproblem in diesen gefährdeten Gebieten, dass die Häuser nicht stabil genug gebaut sind. Laut ihr besteht für halb Italien ein hohes Risiko für Erdbeben. Etwa 23 Millionen Personen leben in diesen risikoreichen Gebieten, das sind 38 Prozent der Bevölkerung. 60 Prozent der Gebäude in diesen Gebieten sind nicht erdbeben-sicher gebaut.

Scolobig sagte, man habe Glück gehabt, dass die Bevölkerungsdichte in der Region nicht sehr hoch sei. Das Krankenhaus der Region ist sehr stark beschädigt worden und auch das Katastrophen-Koordinations-Center wurde von dem Beben getroffen. Das macht es laut der Expertin sehr schwierig, die Situation zu koordinieren. Ebenso gebe es zu wenig Bagger um den Schutt zu beseitigen. Es seien bereits einige vor Ort, aber immer noch zu wenig. Aus Rom waren Arbeitsmaschinen auf dem Weg in die Region und es werden weitere aus ganz Italien erwartet.

Zahlreiche Häuser wurden bei der Naturkatastrophe zerstört. Das Hauptproblem ist laut der Expertin, dass alte Gebäude in den Erdbeben-Regionen in Italien oft nicht stabil genug gebaut sind. Erst seit 2008 gibt es neue Bestimmungen (europäische Standards) für Häuser die in Gegenden mit hohem Risiko für Erdbeben neu gebaut werden. Der Zustand der älteren Häuser werde nach und nach verbessert. Dies sei jedoch schwierig, da besonders kleine Städte in Italien, viele historische, denkmalgeschützte Häuser haben. „Das Problem ist, dass die meisten Gebäude in denen Hilfe bereitgestellt wird - wie beispielsweise Krankenhäuser, nicht die neusten sind“, sagte Scolobig.

Ein weiteres Problem des Risikomanagements sei, dass nur ein paar Versicherungen die Kosten nach einem Erdbeben übernehmen. Weil die Zahl der risikoreichen Gegenden in Italien so hoch ist, können die Firmen laut der Expertin die Summen nicht tragen.

Am Nachmittag sollten Organisationen und freiwillige Helfer aus anderen italienischen Regionen eintreffen. Das Gute ist laut Scolobig, dass es in Italien ein sehr großes Netzwerk an freiwilligen Helfern (1,2 Millionen Menschen) gebe, etwa vom Roten Kreuz oder der Freiwilligen Feuerwehr. Am Donnerstag seien 1.600 Ingenieure zu erwarten, welche die ersten Schäden beseitigen sollen.

Der italienische Katastrophenschutz, sagte die Expertin, sei in Italien gut und werde stets verbessert. Das italienische Institut für Vulkanologie habe das Erdbeben laut Scolobig nicht vorhersehen können, es sei sehr plötzlich gekommen. Das Management laufe im Katastrophenfall gut. Nach dem Erdbeben in L‘Aquila im Jahr 2009 wurde der Krisenplan für Erdbeben verbessert.

Der Wiederaufbau der Gebäude nach Erdbeben ist ebenso ein Problem, da dies bei historischen Gebäuden nicht so einfach sei. In der Innenstadt von L‘Aquila sei nach sieben Jahren noch immer viel Arbeit zu tun.

Am Mittwoch stellte sich noch die Frage, wo die von dem Erdbeben betroffenen Personen hingebracht werden sollen, möglicherweise in Zelte. Die Expertin erwartete, dass im Lauf des Tages noch weitere Menschen Hilfe brauchen werden.




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