Letztes Update am Do, 25.08.2016 06:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1 Jahr „Balken auf“ - Eine „Windelpatenschaft“ mit Doppeleffekt



Wien/Qamishli (APA) - September 2015: Eine fünfköpfige syrisch-kurdische Flüchtlingsfamilie strandet in Wien-Meidling. In ihrem Leid erlebt sie aber auch Hoffnungsfrohes. Schüler eines Währinger Gymnasiums übernehmen eine „Windelpatenschaft“. Ein Projekt, von dem letztlich beide Seiten profitieren: Den Syrern wird geholfen, die Wiener Kinder wachsen mit der Aufgabe über sich hinaus und vor allem zusammen.

Die Initiatorin der Aktion ist jedenfalls von diesem Doppeleffekt überzeugt: „Der Klassengemeinschaft hat die ‚Windelpatenschaft‘ mindestens so viel gebracht wie den Flüchtlingen“, meint AHS-Professorin Birgit Schütz. Die Familie stammt aus der Kurdenstadt Qamishli in der Provinz Hassaka, die zur autonomen Kurdenregion im Norden und Nordosten Syriens an der türkischen Grenze gehört und in den vergangenen Monaten teils von Kurden, teils von syrischen Regimetruppen kontrolliert wurde.

Um die geteilte Provinzhauptstadt Hassaka toben derzeit die heftigsten Kämpfe zwischen Kurden-Miliz und den Truppen von Syriens Präsidenten Bashar al-Assad seit Beginn des Bürgerkrieges vor mehr als fünf Jahren. Bereits zuvor war es zu schweren Kämpfen zwischen kurdischen Milizverbänden und der Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) gekommen. Zudem verübten die Extremisten des Öfteren verheerende Selbstmordattentate.

Spätestens als bei einer dieser Kriegshandlungen ihr achtjähriger Sohn getötet wurde, fasste das Ehepaar Chahin A. und Siham Y. den schwierigen Entschluss: „Wir müssen hier weg.“ Gemeinsam mit ihrem zweiten Sohn Nabil (heute elf Jahre alt) und den Töchtern Malaki und Suheile (mittlerweile drei- und fünfjährig) flohen sie mit einem Boot über das Mittelmeer nach Griechenland. Ihre strapaziöse Odyssee führte sie weiter über Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Österreich.

Als sie letztlich im Caritas-Notquartier der Pfarre Namen Jesu im zwölften Wiener Gemeindebezirk Meidling Unterschlupf fanden, waren sie von der entbehrungsreichen und kräfteaufreibenden Flucht schwer gezeichnet, erinnert sich Birgit Schütz. Sie half damals in der Pfarre ein bisschen mit, die allerschlimmste Not zu lindern. Die Flüchtlingswelle war im September 2015 auf ihrem Höhepunkt. Viele Migranten aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak hatten in den Räumlichkeiten der Pfarre nahe der Philadelphiabrücke in Obermeidling Zuflucht gesucht.

In all dem Elend stach das Ehepaar mit den kleinen Kindern in ihrem ganz besonders erbärmlichen Zustand aber noch hervor. „Die Frau hatte Verletzungen im Gesicht, und sie wirkten alle völlig arm, mitgenommen und erschöpft“, so Schütz. Während viele Flüchtlinge letztlich nach Deutschland oder in den Norden Europas weiterzogen, blieben Chahin und Siham mit ihren Kindern da. Ein Mitglied der Pfarre Namen Jesu stellte der letztlich im Winter offiziell als Flüchtlinge anerkannten Familie eine Wohnung zur Verfügung. Ohne Miete zu verlangen, die Betriebskosten müssen die Flüchtlinge aber selbst bezahlen.

Doch auch an Währing, Wiens 18. Bezirk, ging die Flüchtlingskrise nicht unbemerkt vorbei. „Meine Schülerinnen und Schüler haben die Entwicklungen schon mit Interesse verfolgt“, erzählt Birgit Schütz, Deutsch- und Geografie-Lehrerin am GWIKU 18 in der Haizingergasse 37. In der Zeitschrift „JÖ“ des Jugendrotkreuzes lasen die Kinder der Unterstufe auch Reportagen über das Thema Flüchtlinge. „Dann haben sie ganz von selbst begonnen, darüber zu reden“, erinnert sich die AHS-Professorin.

Schütz hatte im September 2015 zu Schulbeginn gerade die „1C“ übernommen, war also nunmehr „Klassenvorstand“ der zehn- bis elfjährigen Buben und Mädchen. Diesen habe sie dann von der syrisch-kurdischen Familie und ihrem Schicksal erzählt, so die Pädagogin im APA-Gespräch. Schnell war klar, dass auch Leni, Rosa, Florentina, Lina, Viktoria, Ella oder Leon und alle anderen Kinder der „1C“ das Schicksal von Chahin, Siham, Nabil, Suheile und Malaki nicht egal war. Insbesondere nachdem sie erfahren hatten, dass ein Kind der Familie im Krieg gestorben war.

„Sie wollten von sich aus aktiv werden, und so ist dann die Idee mit der ‚Windelpatenschaft‘ entstanden“, blickt Schütz zurück. „Weil das einigermaßen leicht zu organisieren war und Windeln auch nicht so viel kosten.“ Jedes Kind aus der Klasse spendete ein bisschen etwas vom Taschengeld. „Für den einzelnen war das nicht viel, in Summe war es aber eine totale Hilfe. Es hat sich sogar eine weitere Klasse, die ‚2A‘, angeschlossen.“ Gemeinsam wurden dann Windeln für die kleine Malaki gekauft. „Der Vorteil war, dass die Kinder genau gesehen haben, was mit ihren Beiträgen passiert. Das war irgendwie etwas Handfestes, Greifbares. Und für die Flüchtlinge war das wirklich eine wichtige Unterstützung.“ Es kam zu einem direkten Kontakt, weil die Lehrerin das kleine syrische Mädchen hin und wieder auch mit in die Schule brachte.

Für sie war das Kapitel mit den regelmäßigen Windelpaketen, die sie im Namen ihrer Schüler bei der Familie vorbeibrachte, eigentlich abgeschlossen. „Ich wollte ja auch nicht, dass sich die Kinder in Unkosten stürzen.“ Die „1C“ gab sich damit aber nicht zufrieden. „Sie haben das Projekt bei einem Elternabend vorgestellt und dabei auch gleich Geld eingesammelt.“ Manche Buben und Mädchen gingen sogar auf die Straße und sprachen Passanten an, ob sie nicht ein paar Euro für syrische Flüchtlinge locker machen wollten.

„Da habe ich sie gebeten, damit aufzuhören, weil dass sie auf der Straße Geld einsammeln, war mir gar nicht recht“, musste Schütz den karitativen Tatendrang ihre Schützlinge sogar einbremsen. Obwohl die dabei gemachten Erfahrungen erstaunlicherweise fast ausschließlich positiv waren. Ihr Schüler hätten sich aber auch ziemlich schlau angestellt, erzählt die Frau Professor dann nicht ohne Stolz. „Sie haben nur Leute angesprochen, die gemütlich gegangen sind, offenbar keinen Stress hatten. Wenn Kinder dabei waren, umso besser.“

Immerhin kam derart noch einmal eine hübsche Summe zusammen. Zwar brauchte Malaki mittlerweile keine Windeln mehr, aber die Schüler kauften mit dem Geld allerlei andere nützliche Dinge („Salben in der Apotheke, Küchenutensilien, Waschpulver...“), um den Syrern das Leben in der Fremde zu erleichtern. „Ein paar Mädchen haben gerade einen Nähkurs gemacht und dann gleich Kleider für die Kleine genäht. Andere haben gebrauchtes Gewand von zuhause gebracht. Und die Zeckenimpfung haben sie Nabil, Suheile und Malaki auch bezahlt. Das hätten sich die syrischen Eltern nie leisten können.“

Über die Motive ihrer Schüler hat sich Birgit Schütz auch ein Bild gemacht: „Sie haben darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn sie in ihrem Leben in so eine Situation kämen. Dass sie dann auch dankbar wären, wenn ihnen jemand hilft.“ Für die Geografielehrerin hatte das Engagement aber durchaus auch einen positiven Nebeneffekt für den Unterricht. „Wir haben viel über Syrien und andere Konfliktregionen geredet. Sie interessiert das wirklich, sie wissen sehr viel darüber, und kennen sich besser aus als viele Erwachsene.“

Wobei auch zur Sprache gekommen sei, dass das Thema Migration ein vielschichtiges Problem darstelle, zu dem es durchaus unterschiedliche und konfliktreiche Positionen geben kann. „Sie finden, dass die Flüchtlinge den Menschen hier nicht schaden und dass es gemein ist, wenn andere Staaten keine Flüchtlinge aufnehmen. Sie haben aber auch gelernt, andere Meinungen zu reflektieren und akzeptieren.“

Das soziale Engagement ihrer Schülerinnen und Schüler blieb indes nicht unbemerkt, freut sich der Klassenvorstand. Die „1C“ wurde von der Schuldirektorin extra ausgezeichnet. Von der Pfarre Namen Jesu bekam jedes Kind Ende des vergangenen Schuljahres zum Zeugnis auch noch eine Dankesurkunde. „Das hat sie schon sehr stolz gemacht.“

Mit Beginn des neues Schuljahrs soll die Aktion fortgesetzt werden („Rund 300 Euro sind noch da“). Nun könnte etwa der elfjährige Nabil in den Genuss der Unterstützung der etwa Gleichaltrigen aus Wien kommen. „Er geht hier ja auch in die Schule, und da wird er jetzt noch einige Dinge brauchen.“

Ganz allgemein kann die Klassenlehrerin dem Projekt nur positive Seiten abgewinnen und zur Nachahmung empfehlen. „Die Kinder bekommen die Diskussion über die Flüchtlinge in den Medien ja mit, oder erleben die Problematik hautnah auf der Straße. Die Aktion hat ihnen geholfen, diese Situation in ihrem eigenen Umfeld zu analysieren und bewältigen. Und sie haben das Selbstbewusstsein gewonnen, dass auch sie als noch sehr junge Menschen einen Beitrag leisten können. Seither können sie mit dem Thema auch viel besser umgehen.“

(S E R V I C E - Internet: http://gwiku18.at/aktivitaeten/windelpatenschaft-fuer-malaki/ )

(Alternative Schreibweise: Hasaka)




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