Letztes Update am Do, 25.08.2016 10:19

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Alpbach: Transparenz als Schießpulver der neuen Aufklärung



Alpbach (APA) - Für Stefan Thurner entsteht mit global vernetzten Systemen - Stichwort „Industrie 4.0“ - derzeit ein „Monster“. Um dieses riesige Netzwerk zu kontrollieren, müsse es verstanden werden und transparent sein. „Transparenz ist das Schießpulver der neuen Aufklärung“, so der Komplexitätsforscher, der bei den Alpbacher Technologiegesprächen am Donnerstag über „Komplexität und neue Aufklärung“ diskutiert.

Dass die Denkwerkzeuge der Aufklärung, speziell die Vernunft, nicht mehr ausreichen, um die Herausforderungen der Gegenwart zu meistern, wie das vom diesjährigen Europäischen Forum Alpbach postuliert wird, glaubt Thurner nicht: „Im Gegenteil, das ist genau das, was mehr denn je gebraucht wird. Nur die Vernunft, vor allem im Mäntelchen der Wissenschaft, wird uns vor der neuen Dunkelheit und der selbst verschuldeten Unmündigkeit bewahren“, sagte der Präsident des „Complexity Science Hub Vienna“ und Professor am Institut für Wissenschaft komplexer Systeme an der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit der APA.

Diese neue Dunkelheit und selbst verschuldete Unmündigkeit droht nach Ansicht Thurners durch „Industrie 4.0“, „Internet of Things“ oder wie auch immer man dieses hochgradig vernetzte globale System nennt. In dieser Maschine sollen alle Geräte, Produktionsmittel, Unternehmen, Finanz- und Transportsystem, etc. zusammenhängen und miteinander kommunizieren, weitestgehend ohne Zutun des Menschen. „Dieses Monster verspricht uns zwar die Zauberlehrlings-Story, wonach wir nichts mehr tun müssen und alle Dinge bekommen, die wir haben wollen, vorausgesetzt das Konto stimmt. Die Maschine hat aber auch dunkle Seiten, sie stellt die Menschen mehr und mehr in eine Abhängigkeit, das ist eine neue selbst gebaute Unmündigkeit“, so Thurner.

Der beste Ansatzpunkt zur Kontrolle eines solchen „Monsters“ ist für Thurner die Vermeidung der Abhängigkeit: „Das funktioniert nur mit dem Verständnis von diesem Ding.“ Wenn man solche vernetzten Systeme einfach wachsen lasse, verstehe sie bald keiner mehr. „Ich glaube man muss die Fahne hochhalten und sagen: Wir wollen das verstehen und wir können das.“

„Damit wir als menschliche Wesen mit unseren Limitationen in der Kognition diese hochvernetzten und komplexen Systeme verstehen, ist es notwendig, Schnittstellen zu schaffen“, sagte Thurner. Dazu brauche es wiederum Maschinen, die sehr wohl riesige Netzwerke durchdringen, verschiedene Dinge „verstehen“ und das für uns Menschen übersetzen können. Für den Komplexitätsforscher ist die Suchmaschine „Google“ ein erstes Beispiel für eine solche Schnittstelle.

„Google“ könne man aber auch als „kleines Monster“ sehen und als Beispiel für die Tendenz, „dass immer weniger Leute sehr viel mehr über fast alle Leute wissen“. Auch das führe zu einer Unmündigkeit und Abhängigkeit von sehr vielen Leuten gegenüber sehr wenigen Leuten. „Damit driften wir in eine sehr ähnliche Situation wie vor der Aufklärung, als sehr wenige Adelige die gesamte Bevölkerung kontrolliert haben - verrückt, wer hätte das gedacht.“

Offensichtlich benötigt der Mensch also komplexe Systeme, um sich in einer immer komplexeren Welt zurecht zu finden. Für Thurner müssen diese Systeme aber „nach menschlichen Spielregeln, nach gewissen humanistischen Prinzipien funktionieren, die so transparent wie möglich sind, damit man sieht, wie sie mich manipulieren, mich ausnutzen und mir meine Rechte nehmen. Die Algorithmen müssen durchschaubar, für alle überprüfbar und letztlich verklagbar werden.“

Für Thurner ist „diese Transparenz das Schießpulver der neuen Aufklärung“. Für ihn wäre es wichtig, „die Rousseaus, Voltaires, Humes und Kants von heute zu identifizieren. Wer sind die Vordenker der neuen Aufklärung?“ Die Frage sei, ob sich Ähnliches wie 50 Jahre vor der französischen Revolution formiert, etwas, das auch eine politische Richtung bekommen könnte, also Leute die gemeinsam Transparenz fordern, Bürgerrechte und Unabhängigkeit von Maschinen. Aber: „Ich sehe noch nichts in Richtung Aufklärung 2.0.“




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