Letztes Update am Do, 25.08.2016 11:55

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Alpbach: US-Ökonomin Mazzucato nimmt „lahmen“ Staat in die Pflicht



Alpbach (APA) - Damit mehr Wohlstand in die Gesellschaft kommt, dürfe der Staat nicht immer nur „lahm“ reagieren, sondern müsse selbst Risiken eingehen und Märkte kreieren. Ein aktiveres, selbstbewussteres Auftreten sei schon deshalb angebracht, weil in vielen Erfolgsprodukten wie dem iPhone öffentlich finanzierte Forschung stecke. Das sagte die US-Ökonomin Mariana Mazzucato gestern, Mittwoch, Abend, in Alpbach.

„Was macht denn das iPhone so smart?“, stellte die Innovationsforscherin eine - rhetorische - Frage in den Raum. „Im Wesentlichen ist es aus dem Zusammensetzen bereits bestehender Technologien wie GPS oder dem Touchscreen entstanden“, argumentierte Mazzucato, deren Expertise nicht nur von Bill Gates oder Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) öffentlich geschätzt, sondern auch von Organisationen von ESA und NASA bis zum World Economic Forum in Anspruch genommen wird.

Und da auch Googles Suchalgorithmus ohne öffentliche Forschungsfinanzierung nicht zustande gekommen wäre, sei es nur logisch, dass von einem solchen Milliardenkonzern mehr in die Gesellschaft, etwa in die Bildung oder die Forschungsförderung, zurückfließen sollte. „Es ist erstaunlich, wie wenige Diskussionen darüber geführt werden“, wundert sich Mazzucato. Dieser „bessere Deal“ zwischen der Öffentlichkeit und der Privatwirtschaft ist ein Teil eines von ihr vorgeschlagenen Praxismodells, das auf vier Säulen basiert. Eine wesentliche Rolle darin falle dem Staat zu, der in der heutigen Zeit viel zu oft nur Fehler im System repariere, anstatt aktiv Themen vorzugeben.

Gelingen könne das mit einem „neuen Rahmenwerk und einem neuen Diskurs, um Wert zu schaffen“. Als Beispiel führte die Wirtschaftsforscherin die Verkündung der Apollo 11-Mission durch den ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy an. Diese Vision und Zielvorgabe, auf dem Mond zu landen, könnten sich sowohl Staaten als auch Unternehmen im Sinne einer stärkeren Missionsorientierung zum Vorbild nehmen. Was früher der Mond war, könne heute der Kampf gegen den Klimawandel sein. Sich an einer großen Mission zu orientieren heiße auch eine bewusste Entscheidung für das Risiko und für Fehlschläge. „Wenn man dann allerdings einen Erfolg hat, dann ist der auch etwas wert und hat einen Einfluss quer über verschiedene Bereiche der Wirtschaft und nicht nur auf einen kleinen Unterbereich“, so Mazzucato.

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Insgesamt soll es durch ein Umdenken in vielen Bereichen möglich sein, als Gesellschaft mehr Wohlstand zu generieren. Auf dem Weg dahin müsse man den großen Herausforderungen unserer Zeit - smartes, nachhaltiges, aber auch inklusiveres, also weniger Ungleichheit erzeugendes Wachstum - entschiedener als bisher begegnen. Im Wesentlichen fehle es im öffentlichen Bereich an Orientierung, aber vor allem an der Vorgabe einer Richtung. „Es ist nichts falsch am Trend, über smartes, nachhaltiges Wachstum zu sprechen. Das 7. EU-Rahmenprogramm oder auch Horizon 2020 sind darum herum strukturiert, was großartig ist. Das Problem ist, wir leben in einer sehr deprimierenden Ära, nicht so sehr ökonomisch, aber philosophisch. Wir haben keine Ahnung mehr, wie wir über politische Strategie reden sollen“.

Richtungsvorgaben könnten auch zu verstärkter Nachfrage führen. So wie die Massenproduktion früher ein Auslöser für die Verstädterung der Stadtränder gewesen sei, könnte der Trend zu „grün“ heute „so viel mehr als nur erneuerbare Energie bedeuten, es könnte eine neue Richtung für die IT-Revolution werden“.




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