Letztes Update am Do, 25.08.2016 15:16

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ankara bekämpft in Syrien zwei Gegner



Damaskus/Ankara (APA/AFP) - Die bisher größte türkische Militäroffensive in Syrien richtet sich laut Präsident Recep Tayyip Erdogan sowohl gegen die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) als auch gegen syrisch-kurdische Einheiten. Bei dem von US-Kampfflugzeugen und syrischen Rebellen unterstützten Einsatz wurde die syrische Grenzstadt Jarablus vom IS befreit.

Warum greift Ankara gerade jetzt in den syrischen Bürgerkrieg ein?

Die Offensive „Schutzschild Euphrat“ erfolgte wenige Tage nach dem Anschlag im türkischen Gaziantep nahe der Grenze zu Syrien, durch den 54 Menschen getötet wurden und der Ankara zufolge die Handschrift des IS trägt. Gleichzeitig wurden die türkischen Grenzorte Karkamis und Kilis zuletzt wiederholt von IS-Gebiet in Syrien aus mit Mörsergranaten und Raketen attackiert.

„Der IS hat türkisches Territorium direkt angegriffen und daher ist diese Militäraktion zuallererst eine Vergeltungsaktion“, sagt Gülnur Aybet, Direktorin des Zentrums für Sicherheitsstudien an der Universität von Bahcesehir in Istanbul. „Es besteht die Möglichkeit, dass diese Angriffe des IS zunehmen, und deshalb hielt die Türkei es für notwendig, die Grenze mit Panzern und Bodentruppen zu überschreiten.“

Auch der Türkei-Experte Emre Tuncalp von der Londoner Beratungsfirma Stroz Friedberg sieht eine „Verschlechterung“ der Sicherheitslage im Grenzbereich. Für ihn waren der Anschlag von Gaziantep und die Angriffe auf Karkamis „der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“.

Welche Absichten verfolgt die Türkei?

Aybet zufolge hat die Großoffensive zwei Ziele: Der Gefahr durch den IS entgegentreten und die kurdischen Milizen in Syrien daran hindern, bisher vom IS besetzte Gebiete zu übernehmen. Die Türkei betrachtet die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) als enge Verbündete der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Türkei, die nicht nur von Ankara, sondern auch von den USA und der EU als terroristische Organisation eingestuft wird. Allerdings ist die kurdische YPG bisher der wichtigste Verbündete der USA in Syrien im Kampf gegen die IS-Jihadisten gewesen.

Die Kurden sehen sich ihrerseits in einem Befreiungskampf für angestammt kurdische Gebiete in Syrien. Die syrischen Kurden „besetzen schon jetzt einen großen Teil des Grenzgebiets, aber in der Mitte ist noch ein Teil in den Händen des IS“, erklärt Aybet. Durch das türkische Eingreifen sollten die kurdischen Kämpfer daran gehindert werden, in die Regionen vorzurücken.

Die Türkei habe den Euphrat schon seit langem zur „Roten Linie“ erklärt, welche die kurdischen Kämpfer nicht überschreiten dürften, sagt Tuncalp. Auch US-Vizepräsident Joe Biden machten den kurdischen Kämpfern am Mittwoch klar, dass sie den Euphrat nicht Richtung Westen überschreiten dürften. Ansonsten verlören sie die Unterstützung der USA.

Schon die Befreiung der westlich des Euphrat gelegenen Stadt Manbij vom IS durch syrische Kurden hatte Ankara alarmiert. „Das war für die Türkei eine zusätzliche Motivation, sich in diesem Teil Syriens mehr zu engagieren“, sagt Tuncalp.

Was bedeutet die türkische Offensive für die kurdischen Milizen in Syrien?

Damit hat die Türkei deutlich gemacht, dass sie ein zusammenhängendes kurdisches Autonomiegebiet an ihrer Grenze nicht zulassen wird. „Das hat die Pläne der YPG durchkreuzt. Sie dachten, die USA würden sie bei der Gebietseroberung bis zum Schluss unterstützen, aber die Amerikaner spielen am Boden ein pragmatisches Spiel“, stellt Aybet fest.

Ändert die Türkei ihren Kurs gegenüber Assad?

Lange Zeit forderte die Türkei die Absetzung des syrischen Machthabers Bashar al-Assad, erst am Wochenende deutete sie die Möglichkeit einer Übergangslösung mit Assad an. Gleichzeitig arbeitet Ankara enger mit dem Iran und Russland zusammen, den letzten wichtigen Verbündeten Assads. Für Soner Cagaptay, Direktor für Türkeistudien am Washington Institute, steht fest: Den Vormarsch der Kurden in Syrien zu stoppen ist jetzt Ankaras wichtigstes Ziel, nicht mehr der Sturz von Assad.




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