Letztes Update am Fr, 26.08.2016 06:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1 Jahr „Balken auf“ - „Marsch der Hoffnung“ öffnete Tor in den Westen



Budapest (APA) - Was wurde aus den Flüchtlingen Sadam, Shahan und Kamrul? Diese Frage drängte sich im letzten Jahr immer wieder auf. Die drei jungen Männer gehörten vor einem Jahr zu den Tausenden von Migranten, die am Budapester Ostbahnhof in der Unterführung ausharrten und auf ihre Weiterreise in den Westen warteten. Bis zum 4. September.

Gegen Mittag setzte sich plötzlich ein Flüchtlingsmarsch in Bewegung mit den Rufen „Austria, Austria“. Der Zug marschierte durch die Innenstadt, mit ihm die drei jungen Männer aus Indien und Bangladesh.

Die Polizei begleitete den „Marsch der Hoffnung“, wie ihn die Medien nannten. Ein letzter Versuch, den Marsch kurz vor der Auffahrt zur Westautobahn M1 in Budapest zu stoppen, scheiterte. „Wir lassen uns nicht mehr aufhalten, wir sind Tausende, die hier marschieren“, meinte der 20-jährige Munr. Er wolle nach Deutschland, denn Ungarn wolle sowieso keine Flüchtlinge. Die Nachricht, dass sich Tausende von Migranten auf den Weg in Richtung Österreich gemacht hatten, hatte zu Unruhen und Ausbrüchen in Flüchtlingslagern geführt.

Kati Bukucs gehörte zu den freiwilligen Helfern, die Flüchtlinge auf den Budapester Bahnhöfen mit Essen und Trinken versorgten. Oftmals 20 Stunden am Tag war die 40-jährige im Einsatz. „Es ging nicht anders, die Flüchtlinge waren völlig sich selbst überlassen.“ Bis heute steht Bukucs in Kontakt mit zahlreichen der Flüchtlinge von damals, wie sie im APA-Gespräch erzählte.

Da gibt es Handy-Fotos von Fatima aus Syrien, die sich aus Deutschland gemeldet hat. Immer wieder Nachrichten des jungen Syrers Achmet Najeb, der in Deutschland heute weiter studieren kann. Traurige Nachrichten eines Vaters aus dem Irak, der es bis Finnland geschafft hatte, doch nach der Nachricht von der Ermordung seines Sohnes im Irak dorthin zurückkehrte. Der Weg all dieser Menschen führte über Ungarn, das sie wegen seiner Flüchtlingsfeindlichkeit möglichst schnell verlassen wollten, erinnert sich Bukucs.

Ein Jahr nach dem „Marsch der Hoffnung“ der Migranten vom Budapester Ostbahnhof in Richtung Österreich gibt es offiziell keine illegalen Grenzübertritte mehr und so immer weniger Flüchtlinge in Ungarn. Dazu beigetragen haben Zäune, Stacheldraht und Terrorangst. Mit verschärften Flüchtlingsgesetzen konnte der rechtskonservative Premier Viktor Orban nicht nur die Flüchtlingszahlen nach unten drücken, sondern auch seine Regierungspartei Fidesz-MPSZ aus einem schweren Popularitätstief holen.

Über Parteigrenzen hinweg stellten sich die Bürger hinter Orban und ein flüchtlingsfreies Ungarn. Mit fremdenfeindlichen Medienkampagnen der Regierungspartei wurde Stimmung gegen Migranten gemacht, die als Wirtschaftsflüchtlinge und zugleich potenzielle Terroristen abgestempelt wurden. Dagegen protestierten internationale Organisationen und forderten Ungarn auf, Flüchtlinge nicht weiter als „Kriminelle, Invasoren und Terroristen“ zu brandmarken.

Heute sind es große Plakatwände, die in ganz Ungarn vor den Einwanderern und den EU-Flüchtlingsquoten warnen. Ungarn gehört zu den schärfsten Gegnern der Quotenregelung. Mit einem Referendum am 2. Oktober will Orban diese Quoten von seinem Volk ablehnen lassen. Der Sieg ist ihm wohl sicher. Laut Umfragen lehnen nahezu 90 Prozent der Ungarn die Ansiedlung von Flüchtlingen ab.

Bis Ungarn die ungarisch-serbische und ungarisch-kroatische Grenze im Vorjahr mit Stacheldrahtzäunen abriegelte, kamen Zehntausende über die Balkanroute ins Land. „Wir schützen Ungarn und Europa“, begründete Orban damals den Zaunbau. Zugleich wurden die Ankommenden einfach durchgewunken, Flüchtlinge gut organisiert mit Zügen und Bussen nach Österreich transportiert. Auf dem Ostbahnhof in Budapest spielten sich dramatische Szenen ab, da sich tausende Migranten einen Platz in den Zügen nach Österreich erkämpfen wollten. Taxiunternehmen wurden plötzlich für den Transport der Flüchtlinge nicht mehr bestraft.

Nach Ungarn kamen laut der offiziellen Statistik der Regierung zwischen Jänner und September 2015 rund 180.000 Flüchtlinge. Fernsehbilder erinnerten an den nicht abreißen wollenden Zug von Migranten über die Südgrenze. Trotz der hohen Zahlen wurden kaum Asylverfahren abgeschlossen, da der Großteil der Antragsteller das Land noch vor deren Abschluss wieder verlies. Nach einer Gesetzesverschärfung kam es zudem zu immer mehr Prozessen gegen Flüchtlinge vor dem für Grenzverletzungen zuständigen Gericht in der südungarischen Stadt Szeged. Illegale Überwindung der Grenzzäune oder deren Beschädigung gelten heute als Strafrechtsdelikte, die mit drei bis fünf Jahren Gefängnis bzw. dem Landesverweis geahndet werden können.

Die Aufnahmelager in Ungarn seien aktuell kaum zur Hälfte ausgelastet, hatte György Bakondi, Sicherheitsberater von Orban, jüngst erklärt. Grund dafür seien die verstärkten Grenzschutzmaßnahmen. Zugleich existieren lediglich zwei Transitzonen an der Südgrenze Ungarns. Täglich können hier nur insgesamt 30 Flüchtlinge einen Asylantrag stellen. So warten Hunderte von Flüchtlingen auf serbischer Seite unter unmenschlichen Bedingungen auf eine Einreise nach Ungarn.

Die freiwillige Helferin Bukucs hatte Ungarn nicht als Land der Einreise, sondern der Durchreise bezeichnet. Doch gibt es auch weiterhin Migranten, die Bukucs betreut. Sie packt eine Tasche mit Windeln und Babynahrung und macht sich auf den Weg in den 8. Budapester Stadtbezirk, zu einer Flüchtlingsfamilie aus dem Kongo. Die Familie habe vor zwei Monaten den Flüchtlingsstatus erhalten, ein schwerer Weg, erzählt die 40-Jährige. Mutter, Vater und der in Budapest geborene kleine David wohnen heute in einem winzig kleinen Zimmer. „Das ist nicht mehr als ein Loch, aber sie fühlen sich in Sicherheit“, so Bukucs.




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