Letztes Update am Fr, 26.08.2016 11:13

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gewalt im Ostkongo - Vergessener Konflikt im Schatten Syriens



Beni/Frankfurt (APA/dpa) - Gold, Tropenhölzer, Rebellen: Seit mehr als 20 Jahren erschüttert Gewalt den Ostkongo. Nun gibt es ein neues Massaker mit Dutzenden Toten. Gewinnt der Konflikt mehr Aufmerksamkeit?

Die Angreifer kamen mit Macheten und Speeren. Sie töteten 47 Menschen. Unter den Opfern des Massakers in Beni im Osten des Kongos sollen laut UN-Menschenrechtskommissariat auch Kinder gewesen sein. Die UN sprechen von einem der tödlichsten Übergriffe in der Provinz Nord-Kivu seit knapp zwei Jahren. Der Deutsche Dirk Bathe war während des Angriffs in einem Hotel in Beni.

Bathe, Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Vision, erfuhr dort gemeinsam mit anderen Entwicklungshelfern von den Kämpfen in den Vororten. „Die Unsicherheit (darüber), was eigentlich los war, war groß“, sagt er nach seiner Rückkehr nach Deutschland in Frankfurt.

Erst am folgenden Tag, nachdem die Leichen in die Stadt gebracht worden waren, wurden das Ausmaß und die Brutalität des Angriffs deutlich. „Die Menschen wurden mit Macheten und Speeren umgebracht, regelrecht massakriert“, sagt Bathe. Er vermutet, dass das Massaker von Beni ein Racheakt war.

Bei den Tätern handelt es sich vermutlich um Kämpfer der ursprünglich aus Uganda stammenden Rebellenorganisation ADF. Wenige Wochen zuvor hatten Streitkräfte und UN-Truppen nahe der Grenze zu Uganda ADF-Rebellen angegriffen. Die islamistische Miliz ist seit gut fünf Jahren in der Region aktiv.

Nur wenige Tage nach dem Angriff in Beni wurde südlich des Orts ein Konvoi der Caritas angegriffen, vermutlich von Rebellen der FDLR. Diese Gruppe hat ihre Wurzeln in den Hutu-Milizen, die am Völkermord im benachbarten Ruanda beteiligt waren.

Ende November sind Wahlen im Kongo geplant. Aber derzeit gilt eine Verschiebung als wahrscheinlich. Im Osten des Landes reicht der Einfluss der Regierung nicht weit. Zahlreiche Milizen kämpfen dort um die Kontrolle über die rohstoffreichen Gebiete. Die ADF-Rebellen etwa finanzieren sich durch den Verkauf tropischer Edelhölzer, andere Milizen bauen Kupfer, Gold oder Coltan ab, wie die Organisation Global Witness seit Jahren dokumentiert.

„Vielerorts verschlechtert sich die Situation derzeit“, sagt Andreas Kirchhof vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) über die Lage im Kongo. „In Teilen Nord-Kivus flieht die Bevölkerung vor der FDLR und ihren Verbündeten beziehungsweise vor Kämpfen mit der Armee.“

Nach UN-Angaben gibt es im Kongo derzeit 1,7 Millionen Binnenflüchtlinge - fast 700.000 davon alleine in Nord-Kivu. Hinzu kommen Menschen, die vor Konflikten in den Nachbarstaaten flohen: Rund 245.000 ruandische Flüchtlinge, etwa 95.000 Menschen aus der Zentralafrikanischen Republik, mehr als 30.000 aus Burundi und knapp 16.000 aus dem Südsudan.

In Europa hört man nur selten vom Ostkongo. Doch regelmäßige Gewaltexzesse erschüttern die Region, die seit mehr als 20 Jahren nicht zur Ruhe kommt. Für die Bewohner der Region gehört Gewalt zum Leben. Rebellen überfallen Dörfer, vergewaltigen Frauen bei der Feldarbeit, rauben Bauern deren Ernte und entführen Kinder in die Zwangsprostitution oder als Soldaten.

Die Bevölkerung habe nach Jahren des Konfliktes das Vertrauen in Regierung, Armee oder UN verloren, sagt Bathe. „Das Konzept „Schutz durch Präsenz“ ist zumindest in den ländlichen Regionen nicht aufgegangen.“ Viele Menschen verließen sich nur noch auf ihre Familien, Dorfgemeinschaften und vielleicht noch auf religiöse Führer.

„Der Ostkongo ist definitiv ein vergessener Konflikt“, sagt Bathe. „Syrien saugt die ganze Aufmerksamkeit (der westlichen Öffentlichkeit) auf.“




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