Letztes Update am Fr, 26.08.2016 11:34

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Flüchten oder bleiben: Schwerer Entscheidung für Menschen in Amatrice



Arquata del Tronto (APA) - So schnell wie möglich das Bebengebiet verlassen, oder für einen Neubeginn arbeiten: Die Obdachlosen in Amatrice - einst heiterer Urlaubsort im Apennin - jetzt elende Trümmerstadt, stehen vor einer schwierigen Entscheidung. „Amatrice ist nur noch ein Schutthaufen, es wird Jahrzehnte dauern, bis sich die Stadt erholen wird. Kein Stein ist auf dem anderen geblieben“, sagt die 73-jährige Annunziata.

Seit ihrer Pensionierung lebt Annunziata in Sant‘Angelo, einem kleinen Ort, der zur Gemeinde Amatrice gehört. In dieser Ortschaft sind acht Menschen ums Leben gekommen. Annunziata und ihre um zwei Jahre ältere Schwester Lorena haben das Erdbeben überlebt. „Ich habe starken Wind gespürt und dann einen unheimlichen Knall. Alles hat gebebt. Es war die Hölle. Trümmer sind auf mich gestürzt. Zum Glück hat mich nach kurzer Zeit ein Nachbar befreit. Er musste die Tür eintreten, um zu mir zu gelangen“, berichtet Annunziata im APA-Interview.

An Erdbeben sind die beiden Schwestern längst gewöhnt. „Wir haben auch das Erdbeben in L‘Aquila vor sieben Jahren miterlebt. L‘Aquila ist nur 30 Kilometer Luftlinie von hier entfernt, doch das, was sich in der Nacht auf Mittwoch abgespielt hat, ist nicht beschreibbar“, sagt Annunziata. Die beiden Schwestern übernachten in einem Zeltlager. „Wir sind noch unschlüssig, ob wir zu Verwandten nach Rom ziehen, oder hierbleiben sollen. Mein Haus ist in Trümmern, man wird es ganz abreißen müssen“, seufzt die Frau.

Viele Menschen wollen sich aus Angst vor Plünderungen nicht weit von ihren Wohnungen entfernen, wie im Fall von Nando Bonanni, Eigentümer des Restaurants „La Fattoria“, einem der renommiertesten Lokale der Gegend. Pasta, Fettuccine und die weltberühmten Bucatini all‘Amatriciana sind seine Spezialitäten. „In ganz Italien und auch in Amerika kennt man mein Lokal. Am Abend vor dem Erdbeben war das Restaurant voll ausgebucht, jetzt ist alles nur ein Schutthaufen. Doch ich gehe nicht weg. Dieses Restaurant ist mein Leben und ich werde es wieder aufbauen. Freunde haben mir bereits ihre finanzielle Unterstützung versprochen, um neu zu starten“, versichert der Mann mit tiefen Sorgenfalten im Gesicht.

Direkt hinter dem Restaurant liegt ein weiteres Haus in Trümmern. „Hier wohnte eine Familie mit englischen Urlaubern, drei von ihnen wurden tot geborgen, weitere fünf konnten gerettet werden“, berichtet Bonanni. In seinem Lokal arbeitete die 39-jährige Rumänin Janina Burbula. „Seit zehn Jahren arbeite ich im Sommer in diesem Lokal. Nach dem Erdbeben will ich so schnell wie möglich Amatrice verlassen. Dieser Ort ist eine Gespensterstadt, alles ist zerstört. Es wird Jahre dauern bis das Leben hier wieder zur Normalität zurückkehren kann“, sagt die Frau.

In Amatrice lebt eine größere rumänische Gemeinschaft. Rumänen sind in der Gastronomie, in der Bau- und in der Landwirtschaft beschäftigt. „Seit 14 Jahren lebe ich hier und arbeite als Maurer. Mein Sohn ist hier zur Welt gekommen. Doch das Unternehmen, für das ich arbeitete, ist zerstört, ich weiß nicht, was meine Familie und ich jetzt tun werden“, berichtet Valentin Grigore.

Der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirotti, befürchtet Abwanderungen aus Amatrice, einer Gemeinde, die im Winter nur 2.650 Einwohner zählt, im Sommer jedoch dank der Touristen aufblüht. Pirotti geht davon aus, dass Amatrice eine Zukunft wie der 50 Kilometer entfernt liegenden Erdbebenstadt L‘Aquila droht.

„Überall in der Gegend um L‘Aquila werden Häuser verkauft. Die Stadt hat kaum noch eine Zukunft. Ich fürchte, dass auch Amatrice etwas Derartiges bevorstehen könnte“, sagt Roberto, Inhaber eines Cafes in Amatrice. Die Hoffnung ist, dass die Kleinstadt jetzt nicht sich selbst überlassen wird. „Wir haben in diesen Tagen viel menschliche Solidarität erlebt. Hoffentlich werden wir auch nach Bewältigung dieser ersten Phase der Katastrophe nicht vergessen“, sagte Roberto.




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