Letztes Update am Sa, 27.08.2016 10:35

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


37. Jazzfestival Saalfelden: Symmetrische Klangsuche für Freigeister



Saalfelden (APA) - Die Ausgewogenheit macht es aus: Nicht nur was die Anordnung auf der Bühne betraf, sondern auch im Klanglichen bot sich beim offiziellen Auftakt zum 37. Jazzfestival Saalfelden ein oft symmetrisches Bild. Egal ob der junge Österreicher Lukas Kranzelbinder mit seiner Gruppe Shake Stew oder der französische Cello-Exzentriker Vincent Courtois: Freitagabend gingen Soundsuche und Harmonie Hand in Hand.

Man kennt es ja und kommt genau deshalb immer wieder: Der mehrtägige Konzertreigen in den Pinzgauer Bergen Ende August hat sich einen Ruf erarbeitet, der mit internationalen Fixpunkten des sommerlichen Festivalkalenders ohne Probleme mithalten kann. Und so werden auch heuer bis inklusive Sonntag mehrere Tausend Jazzfans erwartet, die zwischen der eher experimentellen Schiene Short Cuts im Kunsthaus Nexus (hier wird bereits seit Donnerstag Neues und bisher Unerhörtes aufgeführt), den gerne weltmusikalisch angehauchten Gratiskonzerten am Rathausplatz sowie der großen Bühne im Congress auf Entdeckungsreise gehen.

Traditionell wird das Hauptprogramm mit einer heimischen Auftragsarbeit eingeleitet. Kranzelbinder war dementsprechend angetan, mit seinen sechs Kollegen diese Aufgabe erfüllen zu dürfen. Als Shake Stew ließ der in Klagenfurt aufgewaschene Bassist, der sein Set mit „The Golden Fang“ überschrieben hat, seine Mannschaft durch stets pulsierende Klanglandschaften marschieren. Das machte auch optisch einiges her: Zu jeder Seite einen Bass als Begrenzung gesetzt, drückten im Rückraum die zwei Schlagzeuger Niki Dolp und Herbert Pirker ordentlich an und vermochte die dreiköpfige Bläsergruppe im Zentrum, die Melodien frei fließen zu lassen.

Für einen Premiereneinsatz eindrucksvoll unaufgeregt, legte das Septett in dieser Manier eine gute Stunde lang zeitgenössischen Jazz mit reichlich Ehrerbietung vor etablierten Größen vor, gab sich gerne verträumt und melancholisch, um im nächsten Moment dem Groove zu huldigen, oder freigeistig die Töne immer höher und höher zu schichten. Kranzelbinder selbst war als Bandleader stets der Impulsgeber, einem Herzschlag gleich immer präsent, aber in den richtigen Momenten mit der entsprechenden Zurückhaltung ausgestattet. Die ungestüme Energie von „Holy Preacher“ oder das Behutsame der älteren Nummer „Can‘t Reach“ gingen hier perfekt ineinander über und erzeugten letztlich einen perfekt gezeichneten Bogen.

Einen solchen bräuchte normalerweise auch ein Cellist wie Vincent Courtois. Nur: Der Franzose ist nicht gerade das, was man einen konventionellen Musiker nennt. Und wenn man als solcher auch bei einem Festival wie jenem in Saalfelden hervorsticht, kann man das durchaus als Leistung bezeichnen. Vor allem aber schaffte es Courtois - von den Saxofonisten Daniel Erdmann sowie Robin Fincker flankiert und damit wieder ein symmetrisches Bild abgebend -, Unvorhergesehenes zu erzeugen. Mal sein Instrument wie eine E-Gitarre behandelnd (plus entsprechend rhythmischen Kopfbewegungen), dann wieder mit konzentriertem Blick ein feines Gerüst aufbauend, gab es hier kammermusikalischen Gestus ebenso zu erleben wie das Flair eines Rockkonzerts.

Dabei konnte man das Trio zu keiner Zeit in eine Schublade stecken: Glaubte man sich soeben in der Welt der Neuen Musik wiederzufinden, nutzte Courtois den unscheinbarsten Schlenker, um besonders in den Stücken des Albums „Mediums“ eine andere Abzweigung zu nehmen, ganz im klassisch anmutenden Jazz zu landen oder dann doch lieber atmosphärisch geprägte Klanggemälde auf diese imaginäre Leinwand zu pinseln. Und auch der Humor kam nicht zu kurz - besonders, als er sein Deutsch als „worst“ im Vergleich zu den paar Brocken Englisch bezeichnete und in der Folge Erdmann mit einigen (sehr harmlosen) Seitenhieben auf seinen „Chef“ die finalen Nummern ankündigte. „Er versteht ohnehin nicht, was ich Ihnen erzähle.“

Das Verständnis passte aber auch so, der Funke sprang rasch über und das Publikum zeigte sich trotz kurzer Annäherungsprobleme begeistert vom offenen Verständnis Courtois‘. Da hatte es das norwegische Trio Krokofant trotz entsprechend kraftvollem Unterbau - man präsentierte sich beizeiten als Schnittmenge aus Progressive Rock und Free Jazz - nicht ganz so leicht, nach der Pause zu punkten. Aber ebenso wie vom nach Mitternacht den ersten Tag beschließenden Marty Ehrlich Sextett (hier wurden nach den Frei- auch die Schöngeister in der Jazzgemeinde zufriedengestellt) wurden nur wenige Wünsche von der Formation offen gelassen. Es war und ist, wie es Kranzelbinder zu Beginn des Abends beschrieben hatte: „Das hier ist ein besonderer Ort. Denken Sie nicht zu viel nach, sondern öffnen Sie einfach Ihre Ohren und lassen Sie sich darauf ein.“ Auch im 37. Jahrgang die beste Empfehlung für Besucher des Jazzfestival Saalfelden.

(S E R V I C E - www.jazzsaalfelden.com)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen unter http://www.jazzsaalfelden.com/de/presse/2016/foto-download/ zum Download bereit.)




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