Letztes Update am Sa, 27.08.2016 16:29

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erdbeben in Italien - Das Land verneigt sich vor den Toten



Ascoli Piceno/Rom (APA/dpa) - Hier ein vergilbtes Foto, dort ein Plüschtier, etwas weiter Spielzeug und ein Rosenkranz - die Menschen haben mitgebracht, was sie aus den Resten ihrer zerstörten Häuser noch retten konnten. Kleine Erinnerungen an jene, die noch vor wenigen Tagen lebten, Spuren von brutal aus dem Leben gerissenen Menschen. Für manche hatte es noch nicht einmal richtig begonnen, das Leben.

Die Mitbringsel liegen am Samstag auf den 35 Särgen in der Sporthalle in Ascoli Piceno in den mittelitalienischen Marken. Sie lassen erahnen, welch erschütterndes Ausmaß die Erdbebenkatastrophe für die Hinterbliebenen der mehr als 290 Toten hat. Vor allem in den Bergdörfern Amatrice und Accumoli in Latium und in Pescara del Tronto in den Marken wurden die Menschen unter Trümmerbergen begraben.

Bei brütender Hitze haben sie sich versammelt - Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella, Regierungschef Matteo Renzi, Abgeordnete und Honoratioren, Geistliche und Generäle. Das italienische Staatsfernsehen RAI überträgt live, ganz Italien verneigt sich vor den Toten in den Bergdörfern des Apennin.

Vor dem improvisierten Altar mit dem noch schnell an der Wand befestigtem Kruzifix, das aus einer der zerstörten Kirchen gerettet wurde, stehen ihre Särge. In vier Reihen, dazwischen sitzen oder stehen Verwandte und Freunde, reichen sich die Hände, umarmen sich. Die Überlebenden des Erdbebens trauern gemeinsam.

„Solche Katastrophen können den Menschen alles nehmen, außer den Mut des Glaubens“, sagt fast trotzig Bischof Giovanni D‘Ercole aus Ascoli Piceno. Ob er die Gemeinde damit erreicht, etwa die Hinterbliebenen der kleinen Marisol, die mit 20 Monaten unter dem Dach ihres eingestürzten Elternhauses starb? „Sie ist jetzt bei den Engeln“, hat jemand auf einen Zettel auf ihrem winzigen weißen Sarg geschrieben.

Oder die Mutter der achtjährigen Giulia. „Ciao, Mama wird Dich immer lieben“, sagt die Frau, die selbst schwer verletzt wurde und am Freitagabend auf einer Krankenliege in den „Palazzetto dello Sport“ gebracht wurde. Dann drückt sie ein Foto ihrer Tochter auf ihr Gesicht.

Giulia hatte während des Erdbebens ihre kleine Schwester Giorgia schützend umarmt. Die Vierjährige war nach 16 Stunden lebend aus den Trümmern ihres Kinderzimmers in Pescara del Tronto geborgen worden - vermutlich geschützt durch den Körper von Giulia. Es gehört wohl zu den tragischen Zufällen, dass Giorgia ausgerechnet am Samstag vier Jahre alt wurde, gerade als ihre Schwester zu Grabe getragen wurde.

Als Bischof D‘Ercole die Namen der 35 Toten vorliest, geht ein Schluchzen durch die Halle, viele schütteln verzweifelt den Kopf, einige erleiden einen Schwächeanfall. Die Menschen hier sind schwer gezeichnet, können noch gar nicht recht begreifen, was da in der verhängnisvollen Nacht auf Mittwoch eigentlich passiert ist.




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