Letztes Update am Sa, 01.10.2016 12:49

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kapitalismuskritik als Roadmovie: Clemens Bergers „Im Jahr des Panda“



Wien (APA) - Clemens Berger hat Glück: Die Panda-Zwillinge im Tiergarten Schönbrunn sind seit Wochen in allen Medien. Ein Panda-Baby aus dem Wiener Zoo ist auch einer der Protagonisten in Bergers neuem Roman „Im Jahr des Panda“. Pandas, so lernt man, stehen für Artenschutz bei gleichzeitiger kapitalistischer Ausbeute. Und was das mit den Menschen macht, zeigt Berger in beeindruckender Weise.

„Hans war in eine Pandapflegerin verliebt, deren Tochter mit einer halben Million Euro geflohen war, die Kasimir wiederum gespielt hatte, als er sein Kind in jenem Bett gezeugt hatte, in dem er selbst gezeugt worden war. In Wirklichkeit konnte man das keinem Menschen erzählen.“ In diesen zwei Sätzen, die sich irgendwo in dem 670 Seiten umfassenden Werk wie beiläufig eingestreut finden, hat der Autor ziemlich gut selbst zusammengefasst, worum es hier geht. Zumindest auf der reinen Handlungsebene. Denn zwischen den drei Hauptsträngen, die der 1979 im Burgenland geborene Autor hier entfaltet und - so viel sei verraten - kunstvoll ineinanderwebt, findet sich ein Panoptikum des menschlichen Seins im 21. Jahrhundert, das sich zwischen Umweltbewusstsein, Geltungssucht und Wurschtigkeit entfaltet.

Geldgier, Überfluss, Ausbruchsfantasien sind nur einige wenige Schlagwörter, die das Treiben der Protagonisten von „Im Jahr des Panda“ beschreiben. Der Nachfolger von Bergers „Ein Versprechen von Gegenwart“ aus dem Jahr 2013 ist ein Werk, das die Kapitalismuskritik in fast jeder Szene in sich trägt, ohne jemals aufdringlich zu sein. Berger versteht es, seinen Figuren Leben einzuhauchen, sie wie jemanden erscheinen zu lassen, den man kennt oder der man gerne sein würde, wenn man sich nur traute.

Da ist der gehypte Künstler Kasimir Ab, der mit Gemälden von Händen ein Vermögen verdient hat und den Erfolg nicht wirklich versteht. Also flüchtet er sich in eine künstlerische Parallelbiografie, doch auch dort hat er - trotz der anarchistischen Natur der Arbeiten - sofort Erfolg. Nicht einmal der Plan, eines seiner Werke auf einem Flohmarkt um 600 Euro zu verkaufen, bringt die erhoffte Erleichterung. Der unwissende Käufer bemerkt, was er da gekauft hat und flugs landet das Bild bei einer Auktion, wo es ein Vielfaches seines Preises erzielt.

Und dann sind da Julian und Pia, ein junges Paar, das es satt hat, im Auftrag einer Sicherheitsfirma nächtens durch Wien zu kurven und Bankomaten mit Scheinen zu befüllen. Also schnappen sie sich kurzerhand das Geld und fangen im Ausland ein neues Leben an, nicht ohne in der Heimat aufgrund ihres als Kapitalismuskritik verstandenen Verbrechens hochstilisiert zu werden. Dass sie das viele Geld nicht unbedingt glücklicher machen wird, liegt auf der Hand. Pias Mutter ist schließlich jene Pandapflegerin, die nicht zuletzt aufgrund des Verlusts der eigenen Tochter voll und ganz in der Pflege eines Panda-Babys aufgeht und irgendwann in dessen Ich-Form zu schreiben beginnt. Hier wird deutlich, dass der ganze Artenschutz schließlich auch nicht viel mehr ist als eine Form der Geldmacherei.

Immer wieder streut Berger auch ganz konkrete Überlegungen rund um die Beschaffenheit der Gesellschaft ein, die doch so gerne bewusst leben würde, aber... „Aber sie hatte nicht das Geld, um gute Schuhe, faire Kleider, ausbeutungsfreies Obst und Gemüse kaufen zu können. Ein gutes Gewissen musste man sich leisten können. Sie war Zuseherin“, heißt es einmal über Pia. Wie humorvoll Berger sein kann, zeigt er etwa, als sich Pia und Julian deutsche Pässe besorgen, um sich neue Identitäten zuzulegen. „Sie stießen auf ihre Pässe und die neue Staatsbürgerschaft an und malten sich aus, wie sie dieser ab sofort gerecht werden müssten. (...) Sie dürften keine Zweideutigkeiten mehr verstehen und müssten immer ernst, korrekt und frisiert sein. Sie müssten der Welt zeigen, dass sie aus der Geschichte gelernt hatten, gute Menschen geworden waren und das von allen anderen ebenfalls verlangten. Sie mussten Bankomaten Geldautomaten nennen und laufen statt gehen sagen.“

Ob die beiden damit durchkommen, wie der abgehobene Künstler doch noch an Bodenhaftung gewinnt und was mit in Wien geborenen Pandas passiert, wenn sie alt genug sind, erfährt man schlussendlich auch. Und das ist ebenso spannend und unterhaltsam wie der Weg dorthin.

(S E R V I C E - Clemens Berger: „Im Jahr des Pandas“, Luchterhand, 670 Seiten, 24,70 Euro.)




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