Letztes Update am Sa, 08.10.2016 14:32

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Cybathlon“: Menschmaschinen-Wettbewerb in Zürich als Publikumsmagnet



Kloten (APA) - Der 28-jährige Oberösterreicher Patrick Mayrhofer schraubt eine Glühbirne in eine Lampenfassung, trägt geschickt ein beladenes Tablett und hängt Kleidung auf. Diese vermeintlich selbstverständlichen Tätigkeiten erledigt er erstaunlich sicher mit Hilfe einer Hightech-Prothese an der linken Hand. Am Samstag ist er damit vor Tausenden Zuschauern beim ersten „Cybathlon“ in Kloten bei Zürich am Start.

„Die Prothese ist schon zu einem extrem großen Ausmaß ein Teil von mir geworden. Ich trage sie seit fünf Jahren jeden Tag 14 bis 16 Stunden täglich. Es ist für mich kein Hilfsmittel mehr, sondern ersetzt die Hand, die ich verloren habe, wieder nahezu“, sagt Mayrhofer unmittelbar nach dem ersten Lauf bei der Premiere des von der ETH Zürich groß aufgezogenen internationalen Menschmaschine-Wettbewerbs zur APA.

Die Swiss Arena nahe Zürich ist bereits am Vormittag gut gefüllt, an den Schaltern hängen „Ausverkauft“-Schilder. Das ist umso höher einzuschätzen, da die Eishalle immerhin um die 6.000 Zuschauer fasst. Geboten wird an diesem Tag zwar kein Spitzen-Eishockey, aber Spitzenleistungen auf dem Gebiet der Mensch-Maschinen-Interaktion. Die Stimmung in der Halle ist sehr gut, immer wieder brandet lauter Applaus auf.

Beim „Cybathon“ handle sich um einen Wettbewerb der vor allem zeigen soll, „wie Technologie gesellschaftliche Teilhabe fördern kann“, erläutert der Professor für Sensomotorische Systeme an der ETH Zürich und Veranstaltungsinitiator, Robert Riener, vor Beginn des Wettbewerbs. Die Geschicklichkeitsparcours nehmen 74 sogenannte „Piloten“ aus aller Welt in Angriff, darunter insgesamt vier mit Österreich-Bezug.

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Der in Wien lebende Mayrhofer hat seinen Vorlauf in der Disziplin „Geschicklichkeitsparcours mit Armprothesen“ gewonnen und sich damit klar für das Finale qualifiziert - obwohl er „das Startzeichen ein wenig verschlafen“ habe, so der „Pilot“, der seinen linken Unterarm bei einem Arbeitsunfall 2008 verloren hat. Mayrhofer tritt mit einer „Michelangelo Hand“ des deutsch-österreichischen Medizintechnikkonzerns Otto Bock Healthcare an. Die Firma hat insgesamt drei „Piloten“ mit einschlägigen Produkten am Start. „Wir haben für den Wettbewerb nicht richtig trainiert, weil ja all die Aufgaben einen starken Bezug zum Alltag haben“, sagt Mayrhofer, der seit einigen Jahren in die Entwicklung der bionischen Handprothese eingebunden ist.

Für Gerhard Kleinhofer aus Gußwerk nahe Mariazell (Steiermark), dem „Piloten“ der Studentengruppe „Mirage 91“ der Technischen Universität (TU) Graz, läuft es in seinem Vorlauf in der Disziplin „Virtuelles Rennen mit Gedankensteuerung“ leider nicht ganz nach Plan. Mit sogenannten Brain-Computer-Interfaces (BCI), also Gehirn-Computer-Schnittstellen, können Menschen allein durch die Kraft der Gedanken einen Computer, Maschinen oder Körperprothesen steuern. Beim „Cybathlon“ steuert der seit einem Schlaganfall motorisch schwer eingeschränkte Kleinhofer durch Gehirnsignale seine Figur (Avatar) in einem Rennen am PC per Gedankenkraft in etwas mehr als 195 Sekunden ins Ziel.

Das gelingt Kleinhofer, der am Tag des Wettbewerbs Geburtstag feiert, indem er vier verschiedene Signale sendet. Er denkt etwa an Bewegung der eigenen Hand, eines Fußes, ans Singen oder Kopfrechnen. Das bildet sich wiederum in den Gehirnströmen ab. Die „Kunst“ besteht einerseits darin, dass Kleinhofer diese Signale klar sendet. Andererseits muss ein Computeralgorithmus diese interpretieren und in Bewegungen des Avatars übersetzen.

An der immer genaueren Abstimmung des Mensch-Computer-Systems arbeiten die Steirer bereits seit Monaten in zahlreichen Trainingssitzungen. „Der Pilot muss hoch konzentriert und richtig im ‚Tunnel‘ sein, um die Kommandos zu geben“, sagte Teamleiter David Steyrl von der TU Graz der APA im Vorfeld des Wettbewerbs. Am Tag X belegte Kleinhofer nun insgesamt den elften Platz. Damit hat er es nicht in eines der Finale geschafft. Die Enttäuschung hält sich beim mehr als zehn Personen umfassenden Uni-Team aus der Steiermark allerdings stark in Grenzen.

Als universitäre Initiative sind die Steirer beim „Cybathlon“ in guter Gesellschaft: Lediglich ein Viertel der Starter komme von Unternehmen, die Mehrheit haben universitäre Hintergründe, erklärt Riener. Den Zürcher Forscher begleite die Idee nun bereits seit vier Jahren. Er wolle mit der technisch-akademische Veranstaltung aber kein sportliches Event etablieren, sondern in erster Linie eine Plattform für das „Einander-Treffen“ von Menschen mit und ohne Behinderungen etablieren. Letztendlich soll der Wettbewerb aber auch die Forschungsszene weiter beleben. Riener: „Wir zeigen hier nämlich auch, dass vieles noch nicht geht. Es gibt bis jetzt keinen Terminator oder Iron Man.“

(S E R V I C E - http://www.cybathlon.ethz.ch)




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