Letztes Update am So, 09.10.2016 11:10

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Poetische Kapitalismusanalyse: „herzerlfresser“ im Akademietheater



Wien (APA) - „das einkaufszenter ist doch ein geschäft bei dems um leben oder tod von der region sich dreht.“ Es ist einer der vielen wahrhaftigen wie poetischen Sätze in Ferdinand Schmalz‘ Stück „der herzerlfresser“, das am Samstag im Akademietheater seine österreichische Erstaufführung feierte. Fern von Realismus zeichnet der steirische Shootingstar darin eine Realität zwischen Turbokapitalismus und Liebe.

In den vergangenen drei Jahren hat Schmalz, der in Wirklichkeit Matthias Schweiger heißt, am Burgtheater kontinuierlich Boden gutgemacht: Sein Hausdebüt „am beispiel der butter“ inszenierte Alexander Wiegold 2014 noch im Vestibül, im Jahr darauf brachte Carina Riedl „dosenfleisch“ ins Burg-Kasino. Im Akademietheater angekommen unterstreicht der von der Fachzeitschrift „Theater heute“ 2014 zum „Nachwuchsautor des Jahres“ gekürte Steirer einmal mehr seine Qualität als Vertreter eines jungen, neuen Theaters, das sich bei gleichzeitiger Hinwendung zur Sprachkunst dennoch den Themen der heutigen Zeit verschreibt.

Regisseur Wiegold verortet den in Leipzig uraufgeführten „herzerlfresser“ in Wien in einem blauen Glitzerwald (Bühne: Katrin Brack) und setzt auf Reduktion, um das filigrane Textgebäude nicht zum Einsturz zu bringen. Ganz anders ergeht es jenem Einkaufszentrum alias „Einkaufszenter“, das der Wachmann Gangsterer Andi bewachen soll und nächtens von seiner Freundin Fauna Florentina besucht wird, die am Boden liegend und in die Sterne blickend sinniert: „es lebt sich ziemlich unbeschwert unter den bonobos“. Allein: gelebt wird in diesem Fall nicht unter den Affen, sondern unter Menschen in einem Dorf, das auf einem Moor erbaut wurde und das dank des überambitionierten Bürgermeisters Acker Rudi nun über einen Shopping-Tempel verfügt, der keine geringere Aufgabe hat, als die Region zu retten.

Zwischen den beiden jungen Menschen entspinnt sich alsbald ein Dialog über die Sinnhaftigkeit des Projekts. „was könntst du mir schon groß erzähln, was meine eigne wachheit nicht schon hätt entdeckt“, fordert Irina Sulaver als entrückter Dorfpunk Florentina ihren schüchternen Freund Andi heraus. „das neue einkaufszenter kriegt schon risse, drei tage vorm eröffnungsfest“, gibt der herrlich verschroben wirkende Merlin Sandmeyer als Gangsterer Andi konspirativ zurück. Doch die Nacht ist noch lang und gemeinsam mit dem Bürgermeister entdeckt der Wachmann eine Leiche, der das Herz herausgerissen wurde. Für den Bürgermeister ist das „global gedacht (...) hier eine ziemlich große katastrophe“. Gangsterer bleibt pragmatisch: „und regional gedacht ists eine sauerei“.

Es folgt eine zweite Leiche und die Erinnerung an eine alte Legende, nach der vor 250 Jahren ein Mann vom Wahn besessen war, durch das Verspeisen von sieben Mädchenherzen Unsichtbarkeit zu erlangen. Es ist also ein Trittbrettfahrer unterwegs, der die bevorstehende Eröffnung des Einkaufszentrums gefährdet. Denn „bad reputation, gangsterer. das mögen kunden nicht. schlechte kunde, keine kunden. wenn davon mal die medien erfahren“, weiß der Bürgermeister, den Johann Adam Oest als tief drinnen sich nach Liebe sehnenden, aber von Wahlergebnissen getriebenen Prototyp eines Politikers gibt. Ohne es zu wissen, ist er jedoch Liebesobjekt der Trans-Fußpflegerin Irene, die Peter Knaack hingebungsvoll schmachten lässt.

Unter der Bevölkerung freilich steht das Einkaufszentrum nicht sehr hoch im Kurs: „ich bin hier raus gezogen, um mit mir selbst allein zu sein. jetzt kommen alle hier heraus. und doch ist jeder mit sich selbst allein“, konfrontiert die Moorbewohnerin Florentina den Bürgermeister, der sein Motiv situationselastisch modifiziert. „ich wollte doch ein zentrum der begegnung schaffen.“ Florentina bleibt skeptisch: „na das ging schief, von den fahrgastzellen bis zu den expresskassen herrscht hier nur eine vereinzellung.“ Diese Gegenwartsanalyse sitzt.

Soviel sei verraten: Die Medien erfahren nichts, das Zentrum wird eröffnet und unter den Gästen findet sich der verschrobene Pfeil Herbert (Sebastian Wendelin), der das unvollendete Werk des historischen „herzerlfressers“ zu beenden trachtet. Ob die Bevölkerung, die schon das Einkaufszentrum nicht verhindern konnte, den nächsten Mord aufhalten kann? Man erfährt es am Ende dieser kurzweiligen, hoch konzentrierten 90 Minuten. Lang anhaltender Jubel beim Publikum.

(S E R V I C E - „der herzerlfresser“ von Ferdinand Schmalz im Akademietheater. Regie: Alexander Wiegold. Mit Merlin Sandmeyer, Johann Adam Oest, Irina Sulaver, Sebastian Wendelin und Peter Knaack. Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Lane Schäfer. Weitere Termine: 10., 12., 21. und 30. Oktober, 7., 12. und 23. November. Infos und Karten unter Tel (01) : 513 1 513 oder www.burgtheater.at)




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