Letztes Update am Mi, 19.10.2016 10:20

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gleiten, taumeln, stürzen: Karin Peschkas grandioses Buch „FanniPold“



Wien (APA) - Völlig unverständlich. Das ist die Tatsache, dass „FanniPold“, der kürzlich erschienene zweite Roman der in Wien lebenden Oberösterreicherin Karin Peschka, bei den Nominierungen für den im November erstmals vergebenen Österreichischen Buchpreis ignoriert wurde. „FanniPold“ ist nämlich ein ganz großartiges Buch, das sich jede Menge Preise und Leser verdient hätte.

Was sich in ihrem - u.a. mit dem Alpha-Literaturpreis gewürdigten - Debütroman „Watschenmann“ angedeutet hatte, hat die 49-jährige Autorin in ihrem neuen Roman souverän weiterentwickelt. Ihre Fähigkeit, mit großer Empathie ein weites und kompliziertes Geflecht an Gefühlen, Ängsten, Enttäuschungen und Hoffnungen ihrer Figuren zu knüpfen, ohne sentimental zu werden, und gleichzeitig für menschliche Tragödien klare, präzise Formulierungen zu finden, die sich nie in den Vordergrund drängen, beeindruckt.

Dabei hat „FanniPold“ ein großes Handicap: einen seltsamen Titel, der samt werbemäßigem Anteasen der dabei gemeinten Anspielung auf „Brangelina“, der Verbindung der Hollywood-Zelebritäten Angelina Jolie und Brad Pitt, auf eine völlig falsche Fährte führt: „FanniPold“ ist keine Liebesgeschichte, und schon gar keine zwischen der Supermarkt-Filialleiter-Stellvertreterin Fanni und Poldi, einem Bestattungsinstituts-Praktikanten mit Ambitionen auf Höheres. Verbunden sind die beiden zunächst einmal nur durch eine Vielzahl von Riemen und Karabinern, die das Duo bei einem Tandem-Gleitschirmflug eng aneinanderpressen.

Wie bei kaum einem anderen Buch scheut man sich bei „FanniPold“ Informationen zu verbreiten, die den hoffentlich zahlreichen Leserinnen und Lesern das eigene Lektüreerlebnis schmälern könnten. Nicht, weil der Roman eine Krimihandlung hätte und ein Täter gesucht würde (strafbare Handlungen gibt es zwar einige, deren Urheber stehen jedoch außer Streit), sondern weil sich auf den zwei Zeitebenen, entlang sich die intensive Geschichte entwickelt, doch einiges Überraschende tut, das den Leser zunehmend an das Buch fesselt wie den Poldi an die ihm anvertraute Fanni.

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So sei nur der zweifache Knalleffekt verraten, um den auch der Klappentext kein Hehl macht, und der den Startschuss dieses grandios erzählten und gekonnt komponierten Buches bildet: Der Gleitschirmflug, den die ebenso beliebte wie beleibte Fanni von ihrer dörflichen Frauen-Stammtischrunde geschenkt bekommen hat, geht gründlich schief und landet hoch oben im Wipfel einer in steilem, felsigem Gebiet schwer zugänglichen Tanne. Was sich hier, beim Warten auf die Retter, in und zwischen Fanni und Poldi abspielt, wird in kurzen, jeweils mit „Im Wald“ überschriebenen Kapiteln geschildert. Nicht weniger spannend entwickelt sich der stets mit Datums- und Ortsangabe versehene zweite Erzählstrang, der die turbulente Vorgeschichte erzählt.

„Ist es der letzte Akt? Wann hat er begonnen? Viel früher. Fünf Wochen zuvor. Das war so.“ Fünf Wochen zuvor lässt Fanni mit einer beim Freundinnen-Treff erfundenen Krebsdiagnose ihr als einengend und öd empfundenes Leben aus dem Ruder laufen. Ab diesem Moment herrscht bei Fanni wie auch im Dorf Krisenmanagement statt Alltag, prickelnde Aufregung statt öder Routine. Doch wie lässt sich aus dieser Lüge ohne Gesichtsverlust wieder herauskommen? Und wie lässt es sich bewerkstelligen, dass daraus am Ende ein Befreiungsakt und keine Demütigung wird? Davon erzählt, neben vielem anderen, „FanniPold“. Dass die Probleme, die der ebenfalls in den Seilen hängende Poldi umgeschnallt hat, auch nicht leichtgewichtig sind, streift Karin Peschka nur am Rande. Aber keine Sorge: Das eintönige Leben Fannis ist aufregend genug.

Mit „FanniPold“ hat sich Karin Peschka in die erste Reihe der heimischen Gegenwartsliteratur geschrieben. Künftig wird sie nicht mehr zu übersehen sein.

(S E R V I C E - Karin Peschka: „FanniPold“, Otto Müller Verlag, 310 S., 21 Euro: Lesungen u.a. am 12. November, 11.30 Uhr im Literaturcafé der „Buch Wien“ und am 14. November, 19.30 Uhr im Wiener Café Museum; https://peschka.at/)




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