Letztes Update am Do, 20.10.2016 06:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Afghanistan-Experten warnen vor Flüchtlings-Rückschiebung



Wien (APA) - Nach einem kürzlich abgeschlossenen Deal mit der afghanischen Regierung, hoffen europäische Regierungen Zehntausende abgelehnte Asylwerber zurückschicken zu können. Im APA-Gespräch warnen die US-afghanische Politanalystin Helena Malikyar und der Publizist Haseeb Humayoon jedoch vor dem Schritt. Dies könnte nicht nur das Land weiter destabilisieren, sondern auch zur Radikalisierung beitragen.

Bereits jetzt ist das Bürgerkriegsland mit jenen Rückkehrern überfordert, die aus Pakistan und dem Iran kommen. 225.000 waren es laut UNO-Angaben bis Mitte Juli, 395.000 weitere werden bis Jahresende erwartet. Pakistan - mit dem sich Afghanistan angesichts der angeblichen pakistanischen Unterstützung für die Taliban im Dauerkonflikt befindet - schicke die Menschen ganz bewusst zurück, um „Druck auf die afghanische Regierung auszuüben“, so Malikyar: „Sie wissen, dass sie nicht in der Lage ist, die Menschen aufzunehmen.“

Zudem würde sich der Großteil der Rückkehrer im östlichen Nangarhar niederlassen, der einzigen Provinz wo der pakistanische IS-Ableger - laut Malikyar eigentlich eine Splittergruppe der Taliban - aktiv sei. „Wir haben Angst, dass sie Teil dieser Gruppe werden könnten. Wir haben eine große Wirtschaftskrise in Afghanistan - die Arbeitslosigkeit liegt bei 50 Prozent - und diese Gruppen zahlen ihre Kämpfer sehr gut.“

Auch vonseiten Europas sei es nicht „fair“, die Regierung in Kabul im Gegenzug für finanzielle Hilfen von 15 Milliarden US-Dollar (13,65 Milliarden Euro) in den nächsten vier Jahren zur Rücknahme von Flüchtlingen zu zwingen. Diese hätten „unglaubliche Anstrengungen“ auf sich genommen, um nach Europa zu kommen und dann „schicken wir sie zurück an einen Ort, wo sie nichts haben, keinen Job, keine Unterkunft, keine Familie“, so Malikyar. „Und viele werden wohl mit Wut im Bauch gegen den Westen zurückkehren (...) Damit macht man den Extremisten ein Geschenk.“

„Sie ergeben einen riesigen Rekrutierungspool aus dem sich Extremisten bedienen können“, sagt auch Publizist Humayoon. „Jeder Versuch, Menschen an einen Ort wie Afghanistan zurückzuschicken, muss angesichts des aktuellen Levels an Gewalt, der Gefahren und Unfähigkeit unserer Regierung die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen, überdacht werden.“

Vor vier Jahren hat Humayoon die Jugendbewegung „Afghanistan 1400“ mitbegründet, um seine „Version eines würdevollen, vielfältigen und wohlhabenden Afghanistans“ für jene 70 Prozent der Bevölkerung umzusetzen, die jünger als 30 Jahre ist. Seither habe sich die Lage im Land kontinuierlich verschlechtert, sagt er. Sowohl was die Sicherheitssituation als auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten betreffe.

„Was oft übersehen wird, ist, dass wir eine Art Wettbewerb zwischen Radikalen und Moderaten in Afghanistan haben. Mit radikalen Trends, die mit Geld von den Golfstaaten unterstützt werden, und den radikalen Madrasas-Religionsschulen in Pakistan und teilweise auch auf unserem eigenen Staatsgebiet“, erklärt Humayoon. Zuletzt konnten die Taliban wieder deutlich an Boden gewinnen. Laut NATO-Angaben verfügen sie über mindestens 30.000 Kämpfer und bedrohen aktuell fünf afghanische Provinzhauptstädte.

All dies habe sich natürlich auch auf die wirtschaftliche Situation ausgewirkt, unterstreicht die Politanalystin Malikyar. „Auch weil die USA und die NATO als sie sich 2014 aus dem Land zurückzogen, keinen wirklichen ökonomischen Übergangsplan für Afghanistan zurückließen. Dabei war die Wirtschaft stark von den ausländischen Militärs abhängig (...) Plötzlich mussten viele Unternehmen schließen und viele Menschen verloren ihren Job“. Und angesichts der aktuellen Sicherheitslage fehlten nun die Anreize für Investoren.

Deshalb brauche es auch ein „gutes, gesundes und mächtiges Investitionspaket für Afghanistan und mehr Mitwirkung der europäischen Staaten“, fordert die US-Afghanin. Die Amerikaner hätten die Rechtsstaatlichkeit zu lange ignoriert und „zugunsten von Stabilität sogar mit dem Teufel (afghanischen Warlords, Anm.) zusammengearbeitet.“ Bei den Europäern wäre diese wohl besser aufgehoben, sagt Malikyar.

Druck müsse die EU allerdings auch auf Pakistan ausüben, fordert sie. Der US-Kongress denke bereits über Wirtschaftssanktionen nach und habe den Verkauf von Waffen und Kampfjets an das Land gestoppt. „Sie haben festgestellt, dass es in Wirklichkeit der (pakistanische Geheimdienst, dem vorgeworfen wird die Taliban zu finanzieren) ISI ist, der 3.000 amerikanischen Soldaten in Afghanistan getötet hat - oder es zumindest verursacht hat“, erklärt die Politanalystin. „Aber wenn Europa die Sanktionen nicht mitträgt, sind sie nutzlos.“

Helena Malikyar und Haseeb Humayoon leben und arbeiten in Kabul. In Wien waren sie auf Einladung des Wiener Instituts für internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC) und nahmen dort am Mittwochabend an der Diskussion „Afghanistan - Raus aus der Gewalt“ teil.

(Die Gespräche führte Barbara Essig/APA)




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