Letztes Update am Do, 03.11.2016 10:49

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nepals ehemalige Kindersoldaten - Letzter Ausweg Gewalt



Kathmandu (APA/dpa) - Vor zehn Jahren endete in Nepal der Bürgerkrieg. Bis heute leidet eine Gruppe besonders darunter: ehemalige Kindersoldaten. Beobachter befürchten, dass die Gewalt bald wieder ausbrechen könnte.

Als er gerade einmal zwölf Jahre alt war, hatten die maoistischen Aufständischen Lenin Bista in ihren Bann gezogen. Es war auf einer Veranstaltung in der Nähe seines Heimatdorfes Chhatiwan in Südost-Nepal, erinnert er sich heute. Rund 300 Menschen hatten sich auf einem Feld versammelt, wo eine maoistische Tanzgruppe revolutionäre Musik und Tänze aufführte. „Wir hätten damals zur Schule gehen sollen“, sagt Bista heute. „Stattdessen wurden wir in einen Krieg hineingezogen.“

Das war im Jahr 2003, der Bürgerkrieg zwischen den Maoisten und Nepals jahrhundertealter Monarchie war in vollem Gange. Die Maoisten hatten ihn 1996 begonnen, um das westlich von Indien gelegene Nepal in einen kommunistischen Staat zu verwandeln.

Laut Zählungen der Vereinten Nationen (UN) landeten auch mehr als 4.000 Kindersoldaten in ihren Reihen. Im Jahr 2006 endete der Krieg nach mehr als zehn Jahren Kampf mit mehr als 17.000 Toten. Nepal ist inzwischen eine Demokratische Republik, die maoistische Partei ein Teil des normalen politischen Betriebs. Doch viele der ehemaligen Kindersoldaten schafften es nicht zurück in die Normalität.

Die Folgen davon sind auch heute noch spürbar. Im September explodierten zwei Sprengsätze in der Nähe von zwei Schulen in der Hauptstadt Kathmandu und belebten die Angst vor einem bewaffneten Aufstand wieder. Die vier Männer, die anschließend verhaftet wurden, waren ehemalige maoistische Kämpfer.

Durch den Vorfall rücken die ehemaligen Kämpfer wieder ins Bewusstsein Nepals. Zehn Jahre nach dem Krieg warnen Experten nun davor, dass schlecht integrierte ehemalige Soldaten wieder gewalttätig werden und sich radikalen Gruppen anschließen könnten.

Anfang 2007, kurz nach dem Krieg, schickte die Regierung mehr als 30.000 ehemalige Maoisten in von der UNO organisierte Lager, wo sie auf ein Leben nach dem Krieg vorbereitet werden sollten. Doch die Rehabilitationsprogramme der UNO waren für weniger als zwei Drittel von ihnen geeignet. Unter denen, die durchs Raster fielen, waren auch mehr als 4.000 ehemalige Kindersoldaten.

Die Berliner Berghof Foundation und die Universität New York haben in einer gemeinsamen Studie ehemalige maoistische Kämpfer befragt. Demnach wären drei Viertel von ihnen bereit, in einem zukünftigen Konflikt wieder zur Waffe zu greifen. „Ich denke, dass es noch einen weiteren Krieg geben wird“, zitiert die Studie einen von Ihnen. „Ich wäre bereit, wieder zu kämpfen.“

Konfliktforscher kritisieren schlechte Planung und wenig Voraussicht bei der Rehabilitation der ehemaligen Kämpfer. „Die Regierung und die ehemaligen Rebellen konnten sich nicht einigen und haben den Prozess so in die Länge gezogen“, sagt Konfliktforscher Bishnu Raj Upreti aus Kathmandu. Die politische Führung habe das Kapitel einfach möglichst schnell schließen wollen. „Aber so einfach war es nicht.“

Im ganzen Land würden immer wieder ehemalige Soldaten wegen Gewalttaten angezeigt. Dieses Gewaltpotenzial zusammen mit maoistischen Splittergruppen, die zu neuen Aufständen aufrufen, sei eine explosive Mischung.

Einige der ehemaligen Kindersoldaten versuchen nun, sich zu organisieren und gemeinsam für mehr Aufmerksamkeit zu kämpfen. Rund um Lenin Bista hat sich die „Discharged People‘s Liberation Army“ (übersetzt: „Befreiungsarmee der Ausgestoßenen“) gebildet. Dazu gehört auch Sundar Pandey. Er war in der sechsten Klasse, als ein Werber der Maoisten ihn zum Eintritt in die Partei überredete.

„Ich war ein Kind und wusste nichts über Politik“, sagt der heute 25-Jährige. „Ich tat einfach, was meine Freunde taten. Plötzlich war ich in der Partei.“ Nur zwei Monate später bildeten sie ihn an der Waffe aus und schickten ihn in den Bürgerkrieg, wie er erzählt.

Heute lebt er in Kathmandu, wo er sich ein kleines Zimmer mit seiner Schwester teilt. „Früher hingen wir an den Lippen unserer Parteiführer, wenn sie ihre großen Reden hielten“, sagt er. „Aber am Ende haben sie nichts für uns getan. Hätte ich gewusst, wohin das alles führt, wäre ich niemals in die Partei eingetreten.“




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