Letztes Update am So, 27.11.2016 12:47

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


125 Jahre Otto Dix: Ein Jahrhundertkünstler zwischen den Stühlen



Stuttgart/Wien (APA/dpa) - „Die Neue Sachlichkeit, das habe ich erfunden“, soll Otto Dix seinerzeit reklamiert haben. Dix scheute sich nicht, rohe Gewalt, nackte Angst und die Not des Proletariats sowie die aufgestaute Lebensgier einer mondänen Großstadtbourgeoisie abzubilden. Am 2. Dezember vor 125 Jahren wurde der Maler bei Gera geboren. Heute gilt er als deutsch-deutscher Jahrhundertkünstler.

Im Kaiserreich in Dresden ausgebildet, avancierte er zum „berüchtigten Malerstar der Weimarer Republik“, sagt Professor Olaf Peters, Experte vom Institut für Kunstgeschichte der Uni Halle-Wittenberg. Seine dadaistischen und schonungslos wirklichkeitsnahen Kriegsbilder seien skandalisiert worden „Seine Porträts galten als zu entlarvend und sein zunehmend altmeisterlicher Stil wurde von linken Kritikern als reaktionär verunglimpft.“ In Abkehr von Expressionismus und Dadaismus wollte Dix die Weimarer Republik so zeigen, wie er sie sah.

Otto Dix wird 1891 in Untermhaus bei Gera geboren, er stirbt im Sommer 1969 mit 77 Jahren in Singen am Bodensee. Der Realist und Expressionist war der einzige deutsche Maler seiner Zeit, der sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik ausstellte und offiziell anerkannt wurde. Obwohl er im Westen lebte, reiste er regelmäßig nach Dresden, wo er ein Atelier hatte.

Mehr als 400 Arbeiten umfasst heute die Geraer Sammlung. Der 300 Werke umfassende Bestand des Kunstmuseums Stuttgart gilt als weltweit bedeutendster Fundus - mit dem „Selbstbildnis als Soldat“ und dem „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Viele Dix-Werke sind Anklagen gegen Krieg und Militarismus. Besonders der Erste Weltkrieg, dessen Gräuel Dix als Soldat an der Front erlebt, hinterlässt tiefe Spuren. Dix attackiert die Gesellschaft. Er malt ausgemergelte Strichmädchen, vergnügungssüchtige Großstadtmenschen zwischen Luxus und Elend, Kriegskrüppel und Selbstmörder. 1934 erlassen die Nazis gegen ihn ein striktes Ausstellungs- und Malverbot. Viele seiner Werke werden aus den Galerien verstoßen, als „entartete Kunst“ diffamiert und verbrannt. Er geht in innere Emigration, sucht Zuflucht am Bodensee.

„Ich sitze immer zwischen den Stühlen“, soll Otto Dix mal über sich selbst gesagt haben. Unbequem wie er war. Sperrig. Nicht angepasst. Viele Werke klagten die Sinnlosigkeit des Krieges, seinen falschen Heroismus und die technisierte Wucht der Vernichtung an. Dix war aber auch ein begnadeter Porträtmaler.

Auch heute sehe man Tag für Tag erschreckend ähnliche Reportagen von Verzweifelten und Resignierten, Superreichen und Bitterarmen, von den Protagonisten einer auseinanderbrechenden Gesellschaft, sagt Ina Conzen, Kuratorin für Klassische Moderne der Staatsgalerie Stuttgart. „Wir sehen die Verletzten und Toten von Kriegen und Terroranschläge.“ Dass die vor hundert Jahren gemalten Bilder von Otto Dix so ungleich wirkmächtiger seien, dass sein schonungsloser Realismus jede filmische Aufnahme übertreffe, zeige die Größe seiner Kunst.

Und diese wird zum Jubiläum in Deutschland ausgiebig gewürdigt. So zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf vom 11. Februar bis 14. Mai eine große Ausstellung mit dem Titel „Otto Dix - Der böse Blick“. Zu sehen sind etwa 120 Exponate. In Friedrichshafen am Bodensee startet bereits am 2. Dezember ebenfalls eine große Dix-Ausstellung im Zeppelin Museum. Gezeigt werden über 400 Arbeiten des Künstlers, darunter 21 Gemälde, 110 Zeichnungen und 275 Grafiken. Aber nicht nur mit Ausstellungen wird Dix geehrt: Das deutsche Finanzministerium präsentierte Anfang November eine Sonderbriefmarke, die einen Ausschnitt des Selbstporträts „An die Schönheit“ zeigt.




Kommentieren