Letztes Update am Mo, 28.11.2016 16:41

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ende der Chaos-Tage? UKIP-Partei braucht mehr als einen neuen Chef



London (APA/dpa) - Es ist der zweite Aufguss, der zweite Anlauf, die Turbulenzen in der britischen Brexit-Partei in den Griff zu bekommen. Bizarre Grabenkämpfe, die mit Haken und Ösen ausgetragen werden, persönliche Fehden bis hin zu einem Faustkampf unter Rivalen - lange sind bei einer britischen Partei nicht mehr derart die Fetzen geflogen.

Entsprechend markig gibt sich der neue Vorsitzende. Paul Nuttall heißt der Mann, 39 Jahre alt, Europa-Abgeordneter, der sich schon einmal für die Wiedereinführung der Todesstrafe ausspricht. Dennoch ist er für Millionen Briten eher ein unbeschriebenes Blatt. Die Botschaft, die Nuttall an diesem Montag an den Mann bringen will, ist simpel: Das Chaos, der Streit um die Richtung der Partei muss beendet werden, wer sich dem nicht fügt, für den ist kein Platz in der „neuen UKIP“.

Was Nuttall, ein Mann mit Glatze und dicker Brille, zu sagen hat, klingt eher wie ein Befehl denn wie eine Botschaft. Doch die Zuschauer jubeln - die Sehnsucht des Parteivolks nach Ruhe und Einigkeit scheint übermächtig zu sein.

Kein Wunder. Der Chaos-Faktor bei UKIP ist seit dem Brexit-Votum im Juni extrem hoch. Es war ausgerechnet der größte Triumph der Partei, der die Krise auslöste. Brexit - das höchste UKIP-Ziel war erreicht. Was nun?

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Erste Etappe des Dramas: Der Langzeit-Parteichef Nigel Farage, der „Mr. Brexit“, der ein Jahrzehnt für den EU-Austritt Großbritanniens kämpfte, trat zurück. „Ich will mein Leben zurückhaben“, meinte er. Das „Gesicht der Partei“, unter dessen erdrückender Medien-Präsenz Parteikollegen nur ein Schattendasein führten, tauchte ab - und stürzte die Partei in tiefste Ratlosigkeit.

Zweite Etappe: Schon der Wahlkampf für den Vorsitz war Drama pur, ein Favorit für die Farage-Nachfolge wurde erst gar nicht zugelassen - er hatte die Wahlunterlagen 17 Minuten zu spät eingereicht.

Noch schlimmer: Die Wahl wurde zum Debakel. Nach nur 18 Tagen im Amt gab Diane James im Oktober auf - Parteikollegen hatten ihr schlichtweg zu viel Knüppel zwischen die Beine geworfen.

Vorläufiger Höhepunkt der Turbulenzen: Die Prügelei zweier UKIP-Abgeordneter in den heiligen Hallen des Straßburger Europaparlaments. Es ging derart zur Sache, dass einer der Männer bewusstlos am Boden liegen blieb - angeblich wollte er eine Annäherung der Partei an die Konservativen.

Da hat der Neue an der Spitze ganz andere Pläne. Zwar ist Nuttall ein Konservativer vom Scheitel bis zur Sohle, doch als neues Wählerpotenzial visiert er frustrierte Labour-Anhänger an, die beim Brexit-Votum bereits zuhauf für das UKIP-Ziel EU-Austritt votiert hatten. Kernsatz seiner Rede am Montag: „Ich möchte die Labour Party ersetzen und UKIP zur Stimme des patriotischen Großbritannien machen.“

Immerhin, sollte sich der Neue mit dieser Strategie durchsetzen, wäre dies eine deutliche Abkehr von Farages Linie, der der Partei einen deutlich rechtspopulistischen Drall verpasste, meint ein BBC-Experte.




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