Letztes Update am Di, 29.11.2016 08:17

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Front National setzt auf Attacken gegen Fillon



Paris (AFP) - Francois Fillon wird Frankreichs Konservative in die Präsidentschaftswahl 2017 führen - und bei der rechtsextremen Front National sorgt das für Sorgenfalten und Händereiben zugleich. Denn einerseits könnte der Ex-Premierminister der Partei von Marine Le Pen mit seinem harten Kurs bei Sicherheit und Einwanderung viele Wähler wegschnappen.

Auf der anderen Seite sind die radikal wirtschaftsliberalen Reformvorschläge des 62-Jährigen ein gefundenes Fressen für die Front National, die sich gerne als Verteidigerin des kleinen Mannes gibt.

Le Pen jedenfalls schaltete sofort auf Angriff: „Das ist das schlimmste Programm zur Zerstörung des Sozialsystems, das es jemals gegeben hat“, tönte sie am Sonntagabend. „Noch nie ist ein Kandidat bei der Unterwerfung unter die ultraliberalen Forderungen der Europäischen Union so weit gegangen.“ Fillon, sagte Le Pen schelmisch, sei für sie ein „sehr guter Kandidat“.

Denn der frühere Premierminister will 500.000 Stellen im öffentlichen Dienst streichen, die Mehrwertsteuer erhöhen, das Pensionsantrittsalter anheben, Leistungen der Sozialkassen kürzen - bei vielen Franzosen der unteren Mittelschicht kommt das gar nicht gut an. Genüsslich verweist die selbsterklärte Anti-Establishment-Partei Front National auch auf die Tatsache, dass Fillon zwischen 2007 und 2012 unter dem unbeliebten Staatschef Nicolas Sarkozy Regierungschef war. Er habe eine „katastrophale Bilanz“ vorzuweisen.

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Doch einige bei der Front National sehen Fillon als gefährlichen Gegner. „Für uns bedeutet das eine zusätzliche Komplexität“, räumte kürzlich etwa Le Pens Nichte Marion Marechal-Le Pen ein.

Schließlich dürfte die Haltung des konservativen Präsidentschaftskandidaten bei Themen wie Sicherheit, Einwanderung und Integration auch Front-National-Wählern gefallen. Der Katholik pocht auf die „französischen Werte“, ist gegen den Multikulturalismus, will strikte Einwanderungsquoten einführen und warnt vor der Gefahr des „totalitären Islamismus“. „Wenn man das Haus eines anderen betritt, dann übernimmt man nicht die Macht“, sagte Fillon unlängst mit Blick auf Einwanderer - ein Satz, wie ihn auch Marine Le Pen hätte formulieren können.

Damit kann Fillon der Front National womöglich Wählerstimmen entreißen. Zugleich stößt der 62-Jährige viele Wähler der politischen Mitte vor den Kopf, ganz zu schweigen von Anhängern der Linken. Und die könnte der Ex-Premier brauchen, wenn er 2017 in der Stichwahl gegen Le Pen antritt. Als deren Vater Jean-Marie Le Pen es 2002 überraschend in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl schaffte, stimmten zahlreiche Linkswähler schweren Herzens für den Konservativen Jacques Chirac, um ein klares Signal gegen Rechtsextremismus zu setzen.

Doch wird es eine solche breite „republikanische Front“ gegen die Front National auch 2017 geben? Fillon stehe für einen „zweiten Strang der Rechtsextremen“, sagt ein Linkswähler in einem Pariser Vorort. Er sei im Grunde „das Gleiche wie Marine Le Pen“.

Neueste Umfragen sagen Fillon trotz der vielen Vorbehalte einen klaren Sieg in einer Stichwahl gegen Le Pen voraus, mit 67 bis 71 Prozent. „Die republikanische Front wird funktionieren“, glaubt auch der Rechtsextremismus-Experte Jean-Yves Camus. Aber seit dem überraschenden Brexit-Votum und dem Triumph des Rechtspopulisten Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl sieht sich die Front National im Aufwind.

Mit den regierenden Sozialisten jedenfalls müssen sich derzeit weder Fillon noch Le Pen sonderlich befassen: Das Regierungslager zerfleischt sich weniger als ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl selbst, Premier Manuel Valls liefert sich einen offenen Machtkampf mit dem unbeliebten Amtsinhaber Francois Hollande. Umfragen sagen dem Präsidenten eine krachende Niederlage voraus, sollte er erneut antreten. Valls will Hollande deswegen von einer Kandidatur abbringen - und schließt eine Kampfkandidatur gegen den Staatschef nicht aus.




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