Letztes Update am Di, 29.11.2016 12:11

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Primakow-Lesungen“ in Moskau diskutieren neue Weltunordnung



Moskau/Wien (APA) - Im Rahmen der Moskauer „Primakow-Lesungen“, die dem Andenken des russischen Außenpolitikers Jewgeni Primakow (1929-2015) gewidmet sind, haben sich am Dienstag hochrangige internationale Experten äußerst besorgt über aktuelle globale Entwicklungen geäußert. So viele Unsicherheitsfaktoren habe es zu einem Zeitpunkt seit 25 Jahren nicht mehr gegeben, erklärte der deutsche Diplomat Wolfgang Ischinger.

„Am Sonntag gibt es Präsidentenwahlen in Österreich, wo Norbert Hofer, der im Grunde genommen ein Neonazi ist, von einer Mehrheit gewählt werden könnte“, sagte der britische Journalist Edward Luce, der auch mit Verweis auf Ungarn und Polen seine Sorgen über politische Entwicklungen in Europa und die aktuelle Bedrohung von liberalen Demokratien zum Ausdruck brachte.

Luce, der für die „Financial Times“ in Washington D.C. arbeitet, sprach gleichzeitig auch über Konsequenzen der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. „Wir werden unter Donald Trump in einer anderen Welt leben“, betonte er. Trump passe in keine abstrakten Schemata für internationale Beziehungen, er glaube jedoch nicht an Bündnisse und eine Sonderrolle der USA, was zu einem Bedeutungsverlust des Landes als hegemoniale Supermacht führen könnte. Gleichzeitig sei unklar, wie sich die Beziehungen zwischen USA und Russland entwickeln würden, sagte er.

Trump bewundere zwar den russischen Präsidenten Wladimir Putin, potenzielle Kandidaten Trumps für hochrangige Posten in seiner Administration seien aber größtenteils „Falken“, die Russland sehr kritisch sehen würden.

„Dieser Moment symbolisiert das Ende der Nach-Kalte-Kriegs-Ära und wir bewegen uns auf eine chaotischere Welt mit noch mehr Machtzentren zu, die viel schwieriger zu regieren und stabil zu halten sein wird“, erklärte der Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz, Ischinger.

Aus europäischer und deutscher Sicht seien mit der europäischen Integration, der sozialen Marktwirtschaft und der Rolle der USA als Machtfaktor in Europa jene drei Säulen, die als essenziell für Stabilität gesehen werden, mit Fragezeichen behaftet, sagte er.

„Das Allerschlimmste für mich als praktizierender Diplomat ist die gemeinsame Unfähigkeit in Russland und im Westen, eine gewaltige Kluft in unseren Erzählungen zu überbrücken“, beklagte Ischinger mit Verweis auf unvereinbare Darstellungen von Ereignissen etwa im syrischen Aleppo.

Von der Rolle des Nahen Osten als langfristiger Problemzone sprach auch der US-amerikanische Experte für Sicherheitsfragen, Mattthew Burrows.

„Niemand will so viel investieren und die Probleme wie im Fall von Bosnien lösen“, sagte der ehemalige CIA-Mitarbeiter. Als größte Bedrohung der internationalen Sicherheit sei jedoch eine Konfrontation zwischen China und den USA, erklärte Burrows.

Optimistischere Töne schlug indes der Politikwissenschafter Wladimir Baronowski von der Russischen Akademie der Wissenschaften an. Er sah Chancen auf eine Annäherung zwischen Russland und dem Westen und hoffte, dass dies in Bezug auf die Ukraine auch gelingen könnte. Zentral dafür sei, nun nicht nach Schuldigen für den Zusammenbruch der europäischen Sicherheitsarchitektur zu suchen, erklärte er. Obwohl diese Frage aus intellektueller Sicht interessant wäre, sei es politisch nicht angebracht. „Hätte man vor dem Beschluss der Schlussakte von Helsinki 1975 darüber diskutiert, wer den Kalten Krieg begonnen hat, wäre das damals nicht gelungen“, sagte Baranowski.




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