Letztes Update am Fr, 16.12.2016 07:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Africa Amini Alama“: Vom Buschspital zum umfassenden Gemeindezentrum



Arusha (APA) - Spital, Schulen und Berufsschule, Waisenhaus, Bibliothek, Computerkurs, Schneiderei, Autowerkstätte - der kleine Ort Momella hat eine Infrastruktur, die im Norden Tansanias ihresgleichen sucht. Verantwortlich dafür ist das Projekt „Africa Amini Alama“. Neben Kisuaheli und Englisch wird hier Wienerisch oder Steirisch gesprochen. Die beiden Leiterinnen sowie die meisten Helfer kommen aus Österreich.

Obwohl das 2009 von der Juristin und Ärztin Christine Wallner gegründete und nun von ihr und ihrer Tochter Cornelia Wallner-Frisee geleitete Krankenhaus einen unglaublichen Expansionskurs in alle Richtungen hinter sich hat, regiert hier nach wie vor Pioniergeist. Ohne Improvisationstalent und dem Mut, sich täglich neuen Herausforderungen zu stellen, ist man verloren. „In Österreich ist man durch unsere Struktur auf hohem Level verwöhnt. Hier lernt man sofort, dass es nicht selbstverständlich ist, alles griffbereit zu haben“, sagt der Gynäkologe Paul Sevelda, Primarius am Krankenhaus Hietzing und Präsident der Österreichischen Krebshilfe.

Sevelda ist nach einem langen Flug erst wenige Stunden an Ort und Stelle und hat gemeinsam mit seiner Nichte Ursula und dem Arzt Anthony Mvungi bereits die erste je in Momella durchgeführte Hysterektomie (Gebärmutterentfernung) vorgenommen. Der für den zweiwöchigen Aufenthalt des Wiener Spezialistenteams vorbereitete dichte Operationsplan ist jedoch sofort ins Stocken gekommen: Es sind zu wenig OP-Kittel vorhanden. Nach zwei Operationen muss man warten, bis die frisch gewaschenen Garnituren in der Sonne getrocknet sind.

Seveldas Sohn Florian, als Orthopäde hier mit Erkrankungen konfrontiert, die man in Europa nur noch aus dem Lehrbuch kennt, hat dagegen ein anderes Problem: Unter den vorhandenen Instrumenten befindet sich keine Knochensäge. Und das mitgebrachte Taschenmesser zu sterilisieren, ist eine Notlösung, mit der er sich noch nicht wirklich anfreunden möchte.

Europäische Standards sind hier, am Eingang des Arusha Nationalparks und am Fuße des fünftgrößten Berges Afrikas, des Mount Meru, ein ambitioniertes Ziel. „Die zentrale Herausforderung wird sein, eine Infrastruktur zu schaffen, die einen Betrieb unter den notwendigen hygienischen Voraussetzungen dauerhaft ermöglicht“, denkt Paul Sevelda an die Zukunft und hat bereits eine weitere Liste mit noch benötigtem Equipment begonnen.

Dass im neuen Operationssaal, für dessen Inbetriebnahme erst am Vortag die offizielle Bewilligung erteilt wurde, überhaupt gearbeitet werden kann, daran hat Dominik Münstermann großen Anteil. Der Deutsche ist einer der Volunteers, die den Betrieb am Laufen halten und für den Know-how-Transfer sorgen. Sie arbeiten hier ohne Bezahlung - und können dafür unbezahlbare Erfahrungen sammeln. Dass Münstermann den OP-Betrieb organisiert und auch bei Operationen assistiert, wäre in Deutschland undenkbar. Der 23-Jährige ist Krankenpfleger. Wie dringend der OP in Momella benötigt wurde, hat er bei rasenden Fahrten in die Provinzhauptstadt Arusha kennengelernt, mit Notfällen, die nicht immer gut ausgegangen sind. Seine Wochen in Afrika haben ihn bereits geprägt. Wieder zurück in Europa, möchte er Medizin studieren.

Im Restaurant des Projekts, unmittelbar neben jenem mächtigen, magischen Feigenbaum, der zum Wahrzeichen von „Africa Amini Alama“ wurde, versammelt sich neben Ärzten und Patienten jeden Tag eine fröhliche Runde junger Europäer um den Mittagstisch. Die freiwilligen Helfer, die ihre Quartiere in Gehweite haben, arbeiten in allen Bereichen mit: in der Buchhaltung, im Labor, in den einzelnen Abteilungen des Spitals oder in der Schule. Die 18-jährige Philia Kleemann absolviert zwischen ihrer Matura am Lycée Francais de Vienne und dem geplanten Filmstudium in den Niederlanden ein mehrwöchiges Praktikum im Waisenhaus des Projekts, wo sie mit Kolleginnen rund um die Uhr 38 Kinder zu betreuen hat. Nach sieben Wochen ist sie traurig, dass sie in einigen Tagen abreisen muss: „Das hier ist etwas ganz Kostbares für mich. Ich war noch nie so happy wie hier.“

Der 20-jährige Tischler Fabian Mauler, Absolvent der HTL Mödling, ist im „Fundi-Center“, der Berufsschule, eingesetzt. Er hat seine Diplomarbeit über europäische und afrikanische Architektur geschrieben und war als Volunteer bereits in Dar-es-Salaam. Keine schöne Erfahrung, erzählt er: Der vermittelnden Institution musste er 1.200 Euro zahlen und war doch auf sich allein gestellt. Hier ist er überall eingebunden und mit Begeisterung dabei. „Pünktlichkeit und Planungsfähigkeit“ seiner Schützlinge wären zwar verbesserungsfähig, doch „ich lerne hier sehr viel. Ich würde gerne länger bleiben.“ Er hofft auf Verlängerung seines dreimonatigen Visums - was unter der neuen Regierungspolitik Tananias keineswegs gesichert ist.

„Africa Amini Alama“ ist nach einer wechselvollen Geschichte heute ein Public Private Partnership - von den 130 Angestellten werden weniger als zehn Prozent von der Regierung bezahlt. Der oberste Beamte der regionalen Gesundheitsbehörde, Kusirye Ukio, ist im Gespräch mit der APA voll des Lobes: „Das Projekt hat bereits viel geleistet und besitzt ein großes Potenzial. Es verdient unsere volle Unterstützung!“ Doch der neue Präsident Tansanias, John Magufuli, der sich im Kampf gegen die Korruption und bei der Modernisierung der Verkehrswege den Beinamen „Bulldozer“ erworben hat, setzt auf Selbstertüchtigung seiner Landsleute. Gastarbeiter aus dem nördlichen Nachbarland Kenia dürften künftig ebenso weniger willkommen sein wie unbezahlte Arbeitskräfte aus Europa. Tansania, im aktuellen Ranking der Zeitschrift „Jeune Afrique“ auf Platz zehn unter 54 afrikanischen Staaten gereiht, Tendenz steigend, soll ohne fremde Hilfe seinen Weg machen. Genau das ist aber auch das langfristige Ziel von „Africa Amini Alama“. Frei aus Kisuaheli übersetzt heißt das nämlich: „Afrika, ich glaube an Dich!“

(S E R V I C E - www.africaaminialama.com; http://africaaminilife.com)




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