Letztes Update am Mi, 21.12.2016 12:30

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Epochal: Miroslav Krlezas fünfbändiger Mammut-Roman „Die Fahnen“



Wien (APA) - Als Martin Kusej 2013 bei den Wiener Festwochen die Trilogie „In Agonie“ von Miroslav Krleza präsentierte, war dies für viele die erste Begegnung mit diesem kroatischen Autor. Sein fünfteiliger Roman „Die Fahnen“, dessen erste deutsche Übersetzung nun im Wieser Verlag erschienen ist, behandelt ebenfalls den Ersten Weltkrieg samt Vorgeschichte und Auswirkungen. Ein gewaltiges, imponierendes Werk.

Sechs Stunden dauerte auf der Bühne der Weg vom Vorabend des Kriegs in den Weltenbrand und seine seelischen Verwüstungen, von 1914 über 1916 ins Jahr 1922. Nach sechs Stunden Lektüre wird man vermutlich nicht einmal am Ende des ersten Bands des 1962-68 veröffentlichten Romans angelangt sein. 1.874 Seiten umfassen die fünf Bände in der von Gero Fischer und Silvija Hinzmann besorgten deutschen Übersetzung, dazu kommt noch ein 138-seitiger Glossar-Band, der die historischen Hintergründe behandelt.

Die Kernfrage lautet daher: Lohnt es sich? Schlichte Antwort: Es lohnt sich. Vorweihnachtliche Zusatzfrage: Kann man mit diesem gewichtigen, 75 Euro teuren Geschenk Freude bereiten? Freude wird derjenige daran haben, der die gewaltigen Ereignisse dieses Epochenwandels, des k.u.k.-Untergangs endlich einmal aus nicht austrozentristischer Perspektive geschildert haben und dabei sein Geschichtswissen erweitern möchte. Dabei ist nicht nur eine Fülle historischer Fakten, sondern auch ein Autor zu entdecken, der getrost zwischen Joseph Roth, Robert Musil und Karl Kraus einzuordnen ist.

Von Anfang an lässt Miroslav Krleza (1893-1981) keinen Zweifel, dass er mit „Die Fahnen“ auf das große Ganze zielt, sich dabei aber alle Zeit der Welt nehmen möchte, um politische Feinheiten, sprachliche Verstiegenheiten und gesellschaftliche Dummheiten in allen Details zu schildern. Der vorwiegend dialogisch aufgebaute Roman gibt Gespräche seiner Protagonisten nicht nur in aller Ausführlichkeit wieder, sondern zitiert auch seitenlang historische Dokumente oder Zeitungsartikel, zählt endlos Personen oder Gegenstände auf, die in diesem umfassenden Panorama unbedingt mit ins Bild gehören oder schildert minutiös Stimmungen, mit denen sich jene explosive Mischung aus Dekadenz und Revolte nachempfinden lässt, die einen ganzen Kontinent in den Abgrund riss.

Die ausufernde Opulenz ist Programm und macht einen guten Teil des Reizes aus. Sich als Leser gegen diesen unverschämten Zugriff auf das eigene Zeitbudget zu wehren, schwächt das Erlebnis, das „Die Fahnen“ bereiten können. Für eine deutschsprachige Übersetzung soll Krleza 1979 angeboten haben, sein Mammut-Werk auf 800 Seiten zu kürzen. Gut, dass es nicht dazu gekommen ist.

Wer sich auf das Vorgelegte einlässt und bei der Lektüre Zeit und Ort vergisst, bekommt die Intrigen der kroatischen Politik im Eiertanz zwischen Österreich und Ungarn, die glühenden Freiheitsbestrebungen der an eine jugoslawische Zukunft gemeinsam mit Serbien glaubenden Jugend, die Morschheit einer an Pfründen und Titeln hängenden Klasse und die grenzenlosen Schrecken der Schlachtfelder aus erster Hand geschildert. Ein guter Teil des Erzählten dürfte autobiografische Bezüge haben.

Im Mittelpunkt von „Die Fahnen“ stehen ein Vater und ein Sohn, beide tragen denselben Namen: Kamilo de Emericki. Der Vater ist ein hochrangiger kroatischer Beamter im Verwaltungsapparat der österreichisch-ungarischen Monarchie. Dass die Kroaten vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor allem die Auswirkungen eines 1868 zustande gekommenen ungarisch-kroatischen Ausgleichs bekämpften, der Ungarn bevorzugte, zählt zu den vielen historischen Erkenntnissen, die man von dieser Lektüre mitnimmt. Obwohl jeder Zoll ein Vertreter des alten Geistes, kann sich der Senior dennoch im Zuge der Wirren des Zusammenbruchs erfolgreich auf die Seite der Sieger schlagen. Der Junior dagegen ist ein revolutionärer Hitzkopf mit Verbindungen zur serbischen Untergrundbewegung „Schwarzen Hand“ und schon als Gymnasiast in anti-ungarische Bombenanschläge verwickelt. Als Soldat der k.u.k.-Armee wird er zweimal schwer verwundet und ist am Ende der kommunistischen Idee deutlich näher als nationalistischen Idealen.

Paradigmatisch für den Kampf des Alten mit dem Neuen entfalten sich über viele Kapitel die Auseinandersetzungen im Hause Emericki. Am Beginn steht der 1913 angetretene erste Canossagang des Beamten, der vor seinem Ministerpräsidenten für die hochverräterischen Schriften seines Sprösslings geradezustehen hat, am Ende die offizielle Lossagung des Sohnes von seinem Vaternamen - ein gesellschaftlicher Skandal ersten Ranges - sowie der Tod des Vaters 1922 am Rande einer Aufsehen erregenden Spionageaffäre. Eine Welt ist untergangen. Das Chaos regiert. Was die Zukunft bringen wird, ist völlig ungewiss.

„Die Fahnen“ ist Familienroman und Geschichtspanorama zugleich, ebenso ausufernd wie anmaßend. Dass die Frauen in dem schmalen Katalog seiner Nebenfiguren mit Ausnahme einer ältlichen „Poetessa“, der mütterlichen Geliebten von Emericki jun., nur blass und schematisch bleiben, ist wohl zeitimmanent, dennoch ärgerlich. Dass Südosteuropa auf der literarischen Landkarte der Endwehen der österreichisch-ungarischen Monarchie mit diesem Werk deutlich an Kontur gewonnen hat, ist jedoch ein Verdienst, der nicht hoch genug geschätzt werden kann.

(S E R V I C E - Miroslav Krleza: „Die Fahnen“, Roman in fünf Bänden plus Glossar, Wieser Verlag. Aus dem Kroatischen übersetzt von Gero Fischer und Silvija Hinzmann, 2012 S., 75 Euro)




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