Letztes Update am Fr, 30.12.2016 10:54

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Cinderella“-Premiere: Operntriumph für elfjährige Komponistin



Wien (APA) - Alma Deutscher kann einem durchaus Angst machen. Die elfjährige Britin ist nicht nur eine für ihr Alter hervorragende Violinistin und Pianistin und ein charmantes, quirliges Mädchen, sondern auch noch Komponistin. Und das nicht von kleinen Sonaten - sonder gleich einer ganzen Oper. Am Donnerstagabend feierte „Cinderella“ im Wiener Casino Baumgarten umjubelte Uraufführung in neuer Fassung.

Eine Kammerversion von „Cinderella“ wurde bereits im Vorsommer in Israel präsentiert. Für die Premiere in Wien überarbeitete Alma das Werk nun grundlegend und hält sich hierfür mit ihrem Vater, dem Sprachwissenschafter Guy Deutscher, schon seit Wochen in Wien auf. Und um den handelsüblichen Tonsetzer, der erst nach dem Musikstudium und mit Ende 20 die Arbeit aufnimmt, noch mehr zu deprimieren, ist „Cinderella“ streng genommen bereits die zweite Oper von Alma, rechnet man das kurze Musiktheaterwerk „The sweeper of dreams“ hinzu, das sie mit sieben Jahren komponierte.

Ihre Inspiration holt sich Alma in einem Fantasieland namens Transsylvanien (nur zufällig namensgleich mit der Dracula-Heimstätte) samt Hauptstadt Brasslichmei, in das sich die Kleine täglich gedanklich zurückzieht und dort mit fiktiven Bewohnern, darunter auch Komponisten spricht und sich deren Melodien „ausleiht“. Hauptinspirationsquelle für „Cinderella“ sei der von ihrer Imagination erschaffene Antonin Yellowsink gewesen.

Der scheint jedenfalls stark von Rossini, Gounod und Mozart beeinflusst, ist der erste Eindruck, wenn man sich Almas „Cinderella“ anhört. Die eigene Tonsprache muss die kleine Komponistin noch entwickeln, und doch ist das Singspiel in Mozart‘scher Tradition mehr als reiner Pastiche, sondern besitzt schon Eigenständigkeit. Alma arbeitet mit Leitmotiven und würzt die scheinbaren Klänge aus vergangenen Zeiten durchaus mit Witz - da kommt manche von einem Erwachsenen geschriebene Kinderoper bemühter und verkrampfter daher. Dissonanzen sucht man indes vergeblich - bis Schönberg in Transsylvanien auftaucht, wird es wohl noch eine Weile dauern. Aber wenn eine Musikerin noch Zeit hat sich zu entwickeln, ist es wohl Alma Deutscher. Ihre Eltern haben sie aus der Schule genommen und unterrichten sie selbst. Einmal wöchentlich erhält sich Musikunterricht via Internet von einem Lehrer in der Schweiz.

Beim Libretto für „Cinderella“ hat Papa Guy ein wenig mitgeholfen. Dennoch gilt das alte Postulat von Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, dass jeder Romanerstling autobiografisch sei, augenscheinlich auch für die Oper. Jedenfalls variiert „Cinderella“ die bekannte Aschenputtel-Geschichte, indem Alma Cinderella zur Komponistin macht. Deren böse Stiefmutter ist Chefin einer Oper, die Stiefschwestern unfähige Primadonnen und der begehrte Prinz ein verhinderter Poet.

Viel Platz für Bühnenbild hat der junge deutsche Regisseur Dominik Am Zehnhoff-Söns für seine Umsetzung des Stoffes im Casino Baumgarten nicht zur Verfügung. Er setzt deshalb auf Licht, Video und führt in die Geschichte wie im Film mit Einblendungen ein. Dies lässt Anna Voshege, Katrin Koch und Catarina Coresi die Gelegenheit, ihre drei Trullas der bösen Stiefmutter und -schwestern herrlich übertreibend zu interpretieren, während Theresa Krügl in der Titelpartie charmant und zugleich ein wenig überartikuliert um ihren leichten Tenor Lorin Wey wirbt.

Nach Wien geholt hat das bemerkenswerte Projekt die 2013 gegründete Initiative „Oh!pera“ für junge Musiker, deren brasilianische Mitbegründer Vinicius Kattah auch das Orchester durch den mit drei Stunden schon beinahe wagnerianischen Abend führte. Die Schirmherrschaft über das Projekt hat Zubin Mehta übernommen, der vor kurzem vor Journalisten die Nachwuchskomponistin in den höchsten Tönen lobte: „Alma Deutscher ist ein Genie.“ Und das gelte nicht nur für ihre Arbeit als Tonsetzerin, sondern auch für ihr Violin- und Klavierspiel. „Sie spielt wie ein Kind - aber mit perfekten Intonationen. Man glaubt, es ist ein Synthesizer - so perfekt intoniert sie“, zollte die 80-jährige Dirigentenlegende der Elfjährigen seinen Respekt.

Allerdings gibt es wohl keinen Synthesizer der Welt, der so strahlen kann wie die junge Violinistin, die bei „Cinderella“ in einer Szene selbst auf der Bühne steht und beim Abschlussapplaus an glückseliger Coolness jedes Ensemblemitglied bei weitem übertrumpft.

(S E R V I C E - „Cinderella“ von Alma Deutscher im Casino Baumgarten, Linzer Straße 297, 1040 Wien. Regie: Dominik Am Zehnhoff-Söns, Musikalische Leitung: Vinicius Kattah. Mit: Theresa Krügl - Cinderella, Lorin Wey - Prinz Theodor, Catarina Coresi - Stiefmutter, Anna Voshege - Griselda, Katrin Koch - Zibaldona, Veronika Dünser - Emeline, Gregor Einspieler - König, Florian Stanek - Minister. Weitere Aufführungen am 30. Dezember sowie am 4. und 5. Jänner. www.almadeutscher.com ; www.cinderella-in-vienna.com)




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