Letztes Update am Mo, 20.02.2017 10:00

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Leipziger Buchmesse - Übersetzer: Verlage zu wenig risikobereit



Leipzig (APA/dpa) - Pro Jahr werden nur zwei bis vier Bücher aus dem Litauischen ins Deutsche übersetzt. Das liegt nicht an der eigenwilligen Sprache, sagt Übersetzer Markus Roduner. Sondern an der Verlagslandschaft. Im dpa-Interview erzählt er, was die Literatur des kleinen Landes derzeit ausmacht und wo die EU ruhig etwas mehr punkten könnte.

dpa: Litauisch ist eine der ältesten Sprachen der Welt. Was macht die Schwierigkeit beim Übersetzen aus?

Markus Roduner: Ich denke, grundsätzlich ist das Übersetzen aus dem Litauischen nicht schwieriger oder einfacher als aus anderen Sprachen. Die meisten europäischen Sprachen haben plusminus eine ähnliche Struktur. Beim Litauischen sind eine Schwierigkeit die häufig vorkommenden Diminutive, die Verkleinerungsformen, die im Standarddeutschen doch verpönt sind. Da muss man eine Lösung finden, zum Beispiel ein passendes Adjektiv dazusetzen. Bei Verben wird zudem vieles mit Präfixen ausgedrückt. Da muss man im Deutschen überlegen, was man macht, damit es nicht holprig klingt.

dpa: Was sind die Hauptthemen, die derzeit in der litauischen Literatur eine Rolle spielen?

Roduner: Das ist schwierig. Es gibt sehr verschiedene Strömungen. Es gab lange die Tendenz, über die Ereignisse, die man nach dem Krieg nicht beschreiben durfte, - etwa die Geschichte der antisowjetischen Partisanen oder der Deportationen - zu schreiben. Zu Sowjetzeiten wurde sowas nicht veröffentlicht. Da gab es natürlich Aufholbedarf. In den letzten paar Jahren gibt es eine Hinwendung zu den frühen 90er Jahren, zu dieser absolut chaotischen Zeit. Das ist auch im Nachbarland Lettland zu beobachten, dass die Leute, die damals 15 oder 20 Jahre alt waren, jetzt anfangen, diese Zeit zu beschreiben.

dpa: Sie leben seit 1992 in Litauen. Wie haben Sie die Zeit nach der Wende erlebt?

Roduner: Vieles war absolut zusammengebrochen. Ich habe damals im Außenministerium gearbeitet und umgerechnet 30 Dollar pro Monat verdient. Das war umgerechnet ungefähr das Doppelte, was die Anderen verdienten. Aber mit 30 Dollar konnte man auch damals in Litauen nicht überleben. Jeder hat sich irgendwie durchgewurstelt, Geschäfte gemacht. Autoren, die das miterlebt haben, greifen das heute verstärkt auf. Ich denke, für mich als Übersetzer ist der Zugang da einfacher, weil ich in diesen frühen 90er Jahren hier gelebt habe. Das können sich Leute, die in Berlin oder New York gelebt haben, gar nicht vorstellen, was hier an verrückten Dingen passiert ist.

dpa: Ist es schwierig, Übersetzungen litauischer Literatur auf den deutschen Markt zu bringen?

Roduner: Ja, es ist wirklich schwierig. Das hängt nicht mit dem Litauischen an sich zusammen. Knapp 90 Prozent der literarischen Übersetzung ins Deutsche sind aus dem Englischen. Die restlichen 10 Prozent teilen sich zunächst mal die größeren Sprachen wie Französisch, Spanisch, auch noch Italienisch. Und dann kommen die kleineren Sprachen. Da kann man die Übersetzungen an einer Hand abzählen.

dpa: Wenn es nicht an der Sprache liegt - fehlt dann das Interesse am Land oder an den Themen?

Roduner: Ich denke, es liegt am ganzen kommerziellen Verlagsbereich. Vor 20, 30 Jahren war die Bereitschaft auch von großen Verlagen höher zu sagen: Wir machen jetzt mal was Ungewöhnliches, wir können uns das leisten. Die Risikobereitschaft war eine andere. Auch heute noch könnten sich die Verlage das leisten, tun es aber nicht mehr. Dann kommt noch dazu, dass viele Übersetzungen im Feuilleton nicht besprochen werden. Der Prozess ist wie er ist.

dpa: Wie könnte da Bewegung reinkommen?

Roduner: Es wäre schön, wenn zum Beispiel die EU sich ein bisschen mehr einsetzen würde, dass die Literaturen der kleineren Sprachen in die großen Sprachen übersetzt werden. Wir haben selbst mal für ein Projekt eine Förderung beantragt. Sie wurde nicht genehmigt, weil die Auflage zu klein war. Aber was heißt denn zu klein? Die Auflage von unbekannteren deutschen Schriftstellern ist auch eher bei 1.000 oder noch darunter. Es wird nach Schema F beurteilt, und man hat keine Möglichkeit, differenziert zu evaluieren.

(ZUR PERSON: Markus Roduner (50) stammt aus der Schweiz und lebt seit 1992 mit Unterbrechungen in Litauen. Er hat Russisch sowie Litauisch und Lettisch studiert. Roduner arbeitet als Übersetzer und Lektor. Zudem organisiert er zwei Literaturfestivals in Litauen.)

(Das Gespräch führte Birgit Zimmermann/dpa)




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