Letztes Update am Mo, 27.02.2017 11:21

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„La Boheme“ zwischen den Zeiten in Salzburg



Salzburg (APA) - „La Boheme“ zwischen den Zeiten. Für das Salzburger Landestheater inszenierte Andreas Gergen Puccinis Oper im Haus für Mozart und konnte sich nicht entscheiden, wann er die „Boheme“ denn nun leben lässt. Als Hipster-Clique im Heute, oder klassisch im Paris der 1830er. Gestern, Sonntag, fand die Premiere statt.

Jung, wild und anders. Das Leben der Bohemien ist aufregend und außerhalb der Norm. Zu Beginn befinden wir uns auf einer wilden Party, alle tragen weiß und sind mit sich selbst beschäftigt. Hatte Puccini für seine Oper 1896 noch keine Ouvertüre vorgesehen, so bekommt sie diese jetzt in Form von Disco-Housemusik, die mit prominenten Bässen über die Bühne dröhnt. Dann setzt das Orchester ein. Rodolfo schreibt seine Dramen auf dem Laptop, Marcello schafft Aktionskunstwerke, und auch wenn die jungen Künstler sehr kurzgehalten leben, für die Bierkästentürme um sie herum hat es offensichtlich gereicht. Das Duo fettFilm lässt über das weiße Bühnenbild Videoprojektionen laufen, die mal abstrakt, mal mit Szenenbildern die Handlung unterstreichen. Und gerade, als man sich mit dieser „Boheme“ im Hier und Jetzt angefreundet hat, mischen sich die 1830er Jahre und ihre Mode ins Geschehen.

Die Feierszene im Quartier Latin wird ein gemischtes Treiben aus den modernen Künstlern und einer Horde von Zylinder- und Schutenträgern in Frack und Reifröcken. Dieser Zeitensprung gipfelt im Auftritt Parpignols (Franz Supper), der zuerst iPhones an die 1830er-Kinder verteilt hat, und der nun am DJ-Pult steht und Housemusik auflegt. Diese Musik mischt sich immer wieder mit der Orchestermusik, der Beat aus der Konserve begleitet die „echt“ anwesenden Musiker. Das ist im Grunde eine witzige Idee, jedoch scheitert sie daran, dass man Puccinis gefühlvolle Melodie-Wendungen nicht in einen starren Takt pressen kann. Und so spielt beides aneinander vorbei. Diese Szene bleibt das einzige musikalische Experiment, die Mischung der Zeiten bleibt jedoch bis zum Ende inkonsequent. Damit ist eine gelungene moderne Interpretation verspielt.

Über diesen Zeitstrudel hinweg lieben und leiden Mimi (Shelley Jackson) und Rodolfo (Luciano Ganci) hinweg. Scheinbar niemand will ihnen ihre Liebe vergönnen, am allerwenigsten das Orchester. Mirga Grazinyte-Tyla lässt das Mozarteumorchester Salzburg in seiner vollen Klangkraft erstrahlen, vergisst darüber aber oftmals die Sänger auf der Bühne. Es ist schwierig, Gefühle zu zeigen, wenn man gleichzeitig gegen einen so kraftvollen Orchestergraben ansingen muss. Dennoch sind die Hauptrollen ideal besetzt. Jacksons klarer und leicht dunkler Sopran passt hervorragend zur gezeichneten Mimi, Luciano Ganci ist ein italienischer Paradetenor und auch David Pershall als Marcello zeigt gerade zum Ende hin große Gefühle in der Stimme. Raimundas Juzuitis als Colline, der zwar mit wenig Einsätzen bedacht ist, überrascht im vierten Bild mit seiner Mantel-Arie, die er voller rührender Ehrlichkeit und Mitgefühl singt.

Am Ende gibt es großen Applaus, den es bei „La Boheme“ eigentlich immer gibt. Mit diesem Werk hat Puccini zeitlos schöne Musik geschaffen, weshalb die Oper auch zu den meist gespielten gehört. Wie schade, dass es das Landestheater mit dieser Versicherung im Rücken nicht geschafft hat, eine konsequent durchgezogene neue Inszenierung zu zeigen.

(S E R V I C E: „La Boheme“ von Giacomo Puccini im Haus für Mozart, Hofstallgasse 1, 5020 Salzburg. Musikalische Leitung: Mirga Grazinyte-Tyla, Inszenierung: Andreas Gergen, Bühne und Projektionen: fettFilm, Kostüme: Regina Schill, Choreinstudierung: Stefan Müller. Mit Shelley Jackson - Mimi, Hailey Clark - Musetta, Luciano Ganci - Rodolfo, David Pershall - Marcello, Elliott Carlton Hines - Schaunard, Raimundas Juzuitis - Colline, Franz Supper -Parpignol, Einar Th. Gudmundsson - Benoit, Axel Meinhardt - Alcindoro, Chor des Salzburger Landestheaters, Mozarteumorchester Salzburg. Weitere Aufführungen am 28. Februar sowie am 2., 5., 11., 17., 19. und 22. März. www.salzburger-landestheater.at/de/produktionen/la-boheme.html)




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