Letztes Update am Do, 16.03.2017 15:45

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Diagonale - Monika Willi: „Gefahr der Doppelaufladung ist vorhanden“



Graz/Wien (APA) - Michael Glawogger gehörte neben Barbara Albert und Michael Haneke zu jenen Regisseuren, mit denen die Filmeditorin Monika Willi regelmäßig zusammenarbeitete. „Untitled“ hätte ihr sechstes gemeinsames Projekt werden sollen. Nach Glawoggers tragischem Tod bei den Dreharbeiten realisierte die Tirolerin die Doku aus dem Rohmaterial. Drei Tage vor Kinostart eröffnet der Film am 28. März die Diagonale.

APA: Was bedeutet Ihnen die Einladung, „Untitled“ zur Diagonale-Eröffnung zu zeigen?

Monika Willi: Es ist ein besonderer Ort, weil ich die Diagonale sehr mag und sehr schätze. Zugleich ist Graz die Heimatstadt von Michael Glawogger - ein Heimspiel. Insofern ist die Möglichkeit, ihn dort zu zeigen, im doppelten Sinne schön.

APA: Michael Glawogger verstarb im April 2014 nach nur rund vier von zwölf geplanten Monaten Dreh am Balkan, in Italien, in Nordwest- und Westafrika an Malaria. Wie rasch danach ist in Ihnen der Wunsch entstanden, seinen Film fertigzustellen?

Willi: Ich habe schon während der Dreharbeiten mit Michael an dem Material gearbeitet. Wir haben uns ausgetauscht - nicht rasend viel, denn er ist ja nicht ausgezogen, um ständig Kontakt mit der Basis in Wien zu haben. Aber wir waren dorthin gekommen, wo wir gesagt haben: Wir haben Tritt gefasst, was die Stilistik des Films betrifft, den Umgang mit den Bildern und der Musik. Dann tritt nach dem Tod eines wunderbaren Freundes und großartigen Regisseurs die Stille ins Leben und die Schockstarre. Und dann war klar, dass das Material zu gut ist, um nicht gezeigt zu werden. Es war mein Wunsch, es zu machen. Es gab viele Optionen, aber mir war klar, dass ich mir sehr schwertun würde, wenn ein anderer Regisseur statt ihm bei mir im Schneideraum sitzt. Daher habe ich diesen Schritt getan und die Produzenten und Andrea (Glawogger, Witwe des Regisseurs, Anm.) gefragt, ob sie es genehmigen.

APA: Wie geht man an 70 Stunden Rohmaterial heran, das ganz nach dem Konzept von „Serendipity“, dem glücklichen Zufall, gedreht wurde?

Willi: Indem man noch einmal reist. Das ist wirklich oft und viel schauen, herausfiltern, was mich berührt, mir was sagt, mir was gibt; und sich sehr stark entfernen von der Frage: Wie hätte es der Michael gemacht? Um sich dann wieder anzunähern. Das ist wie ein Bungeeseil: Man muss erstmal weg von dem, weil man nicht mit dem Kopf eines anderen Menschen denken kann. Ich will ja nichts draufsetzen. Als Editorin ist es immer mein einziges Ziel, aus dem Material heraus etwas zu kreieren. Schwierig war die Psychonummer, zum ersten Mal etwas zu schneiden oder vorzulegen, wissend, dass diesmal niemand kommen wird - diese Sollbruchstelle, die man einbaut, ein Wagnis, das man danach mit jemandem bespricht. Auch auf der Suche nach dem Text bin ich über viele, viele Umwege zu Texten gekommen, die er geschrieben hat. Das war zwar nicht als Filmtext gedacht, und aus Respekt ihm gegenüber habe ich am Anfang nicht daran gedacht, aber es war dann doch für mich sehr stimmig.

APA: „Untitled“ kommt ohne Verortung oder Interviews aus. War auch das von Anfang an festgelegt?

Willi: Das war der sechste Film, den ich mit Michael geschnitten habe. Es gab gewisse Grundregeln und das, was ihn ausgemacht hat als Filmemacher, ist ein Fixum. Die Musik in der Form von Wolfgang Mitterer war definiert. Klar war auch nach drei oder vier Drehwochen, dass er ohne Untertitel funktionieren soll, also dass es keine Menschen gibt, die in die Kamera sprechen. Bei der Verortung bin ich mir nicht sicher. Michael war es schon immer wichtig, zu sagen, wo etwas ist. Aber dadurch, dass es so kleinteilig geworden ist und ich die Reiseroute am Beginn beschreibe, wäre es wahnsinnig irritierend und meiner Meinung nach nicht wichtig gewesen, zu wissen, wo genau in Marokko dieser Müllplatz ist. Es sind nicht viele Länder und es ist klar, was Balkan und was Nordwest- und Westafrika ist.

APA: Im Film gibt es zahlreiche fließende Übergänge von einem Gefährt zum nächsten, einer Bewegung zur anderen. Welche Bilder und Themen haben sich im Schneideraum herauskristallisiert?

Willi: Dieser Film sollte, wie Michael sagte, nie zur Ruhe kommen. Zugleich wusste er, dass man die Bewegung immer nur festmachen kann, wenn man auch stehen bleibt. Nach vielen Filmminuten würde man die Bewegung als solche nicht mehr wahrnehmen, wenn man dazwischen nicht stillsteht. So ist es im Leben auch: Man empfindet Geschwindigkeit stärker, wenn man dazwischen auch bremst. Der Film haftet immer am Menschen. Es hat sich dann schon herauskristallisiert, dass es gewisse Bilder nicht in den Film schaffen, obwohl ich sie heiß liebe, weil sie vollkommen losgelöst sind von den Menschen und von einem Ort - etwa Landschaft, die keinen Bezug zu einer Lebensrealität hat, oder Tiere, die auch so in einer „Natural History“-Dokumentation vorkommen könnten. So geht es letztlich um den Alltag des Menschen in verschiedenen Orten und seine Beziehung zu den Tieren und zur Landschaft.

APA: Vor allem jene Sequenz, in der Sie einen Text Glawoggers über seine Sehnsucht „nach dem Verschwinden“ über Bilder von Liberia legen - wo er verstorben ist -, gibt dem Zuseher das Gefühl, er habe geahnt, was auf ihn zukommt. Wie schwierig war es, sich dieser Aufladung zu entledigen?

Willi: Die Gefahr dieser Doppel- oder Dreifachaufladung ist vorhanden. Es wird dann dick und manchmal ist es vielleicht auch dick. Richtig drauf zu sein ist oft schwierig, vollkommen daneben ist schwierig. Aber ich weiß, auch durch andere Todesfälle in meinem Leben, dass man im Nachhinein immer Anzeichen für einen Tod findet im Leben eines Menschen. Das Verschwinden ist ein uralter Traum und eine uralte Frage, mit der sich Michael sehr viel beschäftigt hat. Es gibt ein Drehbuch, das leider nie realisiert wurde, wo es nur darum geht: Wie kann der Mensch in dieser großen und so klein geordneten Welt verschwinden? Dass er diesen Text eine Woche vor seinem Tod schreibt, ist natürlich spooky. Wie man es dann liest, ist eine eigene Geschichte. Dass es hier mit dem Tod konnotiert wird, geht wahrscheinlich nicht anders.

APA: Wie war Ihre Arbeitsbeziehung mit Michael Glawogger? Wie viel Raum hat er seinen Editoren gegeben?

Willi: Er hat im ersten Schritt immer das Material ohne viel Erklärungen gegeben, um für sich selbst auch entdecken zu können, was ein anderer in den Bildern sieht. Er hat zu denen gehört, die ganz genau wissen, was sie wollen. Er hat dem anderen vertraut, aber man hat immer gewusst, das Vertrauen fußt auf einer großen Gewissheit darüber, wohin es geht. Diese Vorgangsweise bringt manchmal Dinge in die Welt, an die man vorher nicht gedacht hat. Man arbeitet nicht sechs Filme miteinander, wenn die Annäherung an ein Material grundsätzlich verschieden ist. Ich habe meistens relativ alleine begonnen mit dem ersten Rohschnitt und dann war er mehr und mehr da. Er war ein Meister der Dramaturgie, hat das Feintuning aber all seinen Editoren überlassen. Er hat immer in diesen großen dramaturgischen Bögen gedacht.

APA: Sie werden nun neben Michael Glawogger bei „Untitled“ als Co-Regisseurin genannt. Ist das eine Rolle, die Ihnen recht ist - verbunden mit der Aufmerksamkeit, die damit einhergeht?

Willi: Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie schwierig es war, diese Definition zu finden. Anfangs durfte es auf keinen Fall „Ein Film von Michael Glawogger“ heißen, weil es riskant ist, jemandem so etwas ohne seine Zustimmung in die Vita zu schreiben. Nur wenn die, die dafür mitverantwortlich sind, einverstanden sind, ist das in Ordnung. Die Basis jedes Films, also das Material, ist seins und fußt auf seinen Entscheidungen, und so haben wir es in dieser Reihenfolge geschrieben. Ob daraus nun etwas entsteht, wird sich weisen. Ich habe jetzt so wahnsinnig viel Arbeit vor mir und verschiedene Projekte, aber es gibt Ideen.

APA: Zwischen der Uraufführung von „Untitled“ auf der Berlinale, dem Schnitt von Michael Hanekes neuem Film „Happy End“ und der Arbeit an Wolfgang Fischers Film „Styx“: Wird Ihnen das alles beizeiten auch mal zu viel?

Willi: Ja! (lacht) Es ist unpackbar viel, es kulminiert. Auch privat - ich habe zwei Kinder, eine wunderbare Familie und einen Mann - ist man sehr, sehr lange nicht präsent. Aber sie sind großartige Unterstützer. Es gibt jetzt auch tolle Angebote für den Herbst, aber ich merke, dass ich „Untitled“ sehr gerne begleite. Die Festivaleinladungen sind nicht wenige. Und im Sommer machen wir Urlaub.

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA)

(S E R V I C E - Die 20. Diagonale findet von 28. März bis 2. April in Graz statt. Programm ab morgen, Freitag, 14 Uhr auf www.diagonale.at)

(A V I S O - Die APA hat am 13. Februar unter APA286 eine ausführliche Kritik von „Untitled“ versendet.)




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