Letztes Update am Di, 28.03.2017 13:12

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Diagonale - „Ein deutsches Leben“ 2: „Gibt kollektives Verdrängen“



Wien/Graz (APA) - APA: Das begleitend erschienene Buch von Thore D. Hansen zieht Parallelen zur Gegenwart. Teilen Sie den Eindruck, dass sich die Geschichte zu wiederholen droht?

Florian Weigensamer: Die Mechanismen sind dieselben. Es geht so weit, dass mittlerweile viele Sprachelemente von Populisten übernommen werden. „Amerika wieder groß machen“ - so hat Mussolini seine Wahl gewonnen, mit „Italien wieder großmachen“. Heute spricht man von Fake News und verteufelt die Presse - das war damals das Lügenpressen-Programm des Goebbels. Schon mit Begriffen lassen sich sehr viele Parallelen ziehen. Und ich finde: Auch wenn man es nicht gleichsetzen kann - vergleichen muss man es. Durch den Vergleich ergibt sich eine Erkenntnis dahin gehend, was auch heute wieder passiert.

Christian Krönes: Mit diesem rechten Gedankengut in populistischer Verpackung wird eine Gesellschaftsschicht angesprochen - die Mitte der Gesellschaft -, wo es wirklich gefährlich wird für die Demokratie und demokratische Strukturen, sodass sich die Geschichte möglicherweise wiederholen könnte. Wir erkennen, dass wir aus unserer jüngeren Geschichte nicht allzu viel gelernt haben.

Weigensamer: Es geht auch heute um Egoismus und wird immer so bleiben. Die Frage ist: Liegt das wirklich in der menschlichen Natur, und wenn, was kann man dem entgegensetzen? Wahrscheinlich ist Kultur das einzige, das das korrigieren kann, und die muss man auch pflegen.

APA: Sara J. Bloomfield, Direktorin des Holocaust Memorial Museum in Washington, von dem Sie auch Archivmaterial bezogen haben, sagte kürzlich der „New York Times“, dass Fakten immer weniger bekannt sind - und vor allem bei jungen Menschen eher persönliche Geschichten funktionieren. Wie gefährlich ist es für die Erinnerungskultur, letzte Zeitzeuginnen wie Brunhilde Pomsel zu verlieren?

Weigensamer: Es ist ja auch die Frage, inwieweit das überhaupt da war. In Österreich gab es immer einen gewissen Widerstand dagegen, diese Sache aufzuarbeiten. Man hat das von offizieller Stelle getan, aber so konsequent wie etwa in Deutschland ist das in Österreich nie passiert. Bei der jungen Generation verschwindet dieses Wissen. Keine Ahnung, wo man da ansetzen kann. Persönliche Porträts sind unterhaltsamer und emotionaler, aber sicher kein Ersatz für Geschichtsunterricht. Auch der Film liefert keine Fakten, sondern soll eine emotionale Frage aufwerfen. Dieses Grundwissen ist ganz wichtig, weil das die Basis ist, um die Dinge zu verstehen, die heute passieren.

Krönes: Das war auch unser Ansatz, als wir sie kennenlernten: Wir haben erkannt, dass wir eine persönliche Verantwortung haben, diesen Film zu machen. Wissend, dass sie definitiv eine der letzten Zeitzeuginnen aus diesem Umfeld ist, war es ziemlich enttäuschend zu sehen, wie schwierig es war, diesen Film zu finanzieren. Wir haben sie mit 101 Jahren kennengelernt und wussten, dass wir nicht mehr viel Zeit haben, mit ihr etwas zu machen. Über zwei Jahre haben wir um die Finanzierung gekämpft.

Weigensamer: Diese Thematik ist immer noch ein heißes Eisen, es gibt ein kollektives Verdrängen. Man flüchtet sich schnell ins Argument: Das haben wir doch alles schon gehört. Das ist gefährlich, denn man muss das immer und immer wieder wiederholen.

APA: Sie haben vorrangig Archivmaterial verwendet, das noch nicht „abgenutzt“ ist und weder Adolf Hitler noch Joseph Goebbels zeigt. Welche Überlegungen standen dahinter?

Krönes: Nachdem sie (Brunhilde Pomsel, Anm.) Berlin nie verlassen hat, war es einerseits notwendig, die Archivmaterialien einzusetzen. Andererseits sind sie kontrapunktisches Element, um ihre Aussagen zu relativieren, an andere Kriegsschauplätze zu führen und auch von unserer Seite ein Gegenstatement zu setzen. Goebbels nicht auftauchen zu lassen, war eine sehr bewusste Entscheidung; alle Materialien, die Goebbels zeigen, sind grandios bösartig inszenierte Propagandamaterialien. Wir wollten Goebbels keinen posthumen Propagandaauftritt ermöglichen und haben die Sportpalast-Rede, zu der es natürlich ein Bild gibt, sehr bewusst um die visuelle Ebene reduziert, weil wir festgestellt haben, dass es um einiges erschreckender ist, im Kinosaal auf dunkler Leinwand nur Goebbels‘ Stimme zu hören und ihn nicht zu sehen.

Weigensamer: Es ging auch immer darum, authentisch zu sein mit dem Material. Archivmaterial ist sehr gefährlich, weil es Propagandamaterial von beiden Seiten ist, und niemals die Wahrheit. Es wird aber oft als historisch faktisches Material benutzt, wird verändert, neu geschnitten, koloriert. Das halte ich für sehr gefährlich, weil man es dadurch in einen völlig neuen Kontext setzt. Daher war es uns wichtig, Dinge zu zeigen, die noch nicht Dutzende Male gelaufen sind.

APA: Sie haben mit zwei weiteren Co-Regisseuren, Olaf S. Müller und Roland Schrotthofer, gearbeitet. Wie kann man sich die Arbeit zu viert, speziell bezüglich der hochstilisierten, reduzierten Ästhetik, vorstellen?

Krönes: Wir sind Anhänger des demokratischen Filmemachens, Florian und ich etwa arbeiten seit über 20 Jahren zusammen. Es ist wahrscheinlich immer gut, eigene Ideen und Überlegungen mal nicht egoistisch durchzudrücken, sondern von anderen hinterfragen zu lassen. Speziell bei diesem Projekt war es wichtig, einen außergewöhnlichen gestalterischen Ansatz zu finden und ich glaube, der sieht nur so aus, weil wir wirklich gemeinsam sehr lange Zeit diskutiert haben.

Weigensamer: Das Schwarz-weiß hat natürlich einen ästhetischen Grund, andererseits spiegelt dieser starke Kontrast ihren inneren Widerspruch wider. Wir wollten sie auf ihre Erzählung reduzieren, sie ein bisschen aus Raum und Zeit heben. Die Großaufnahmen dienen auch dazu, dass man ihr und ihren Erinnerungen auf der Leinwand nicht entfliehen kann.

APA: Stichwort Erinnerungen: Hansen schreibt im Nachwort zu seinem Buch, Brunhilde Pomsel habe erst im November 2016 offenbart, dass sie 1936 kurz davor war, sich mit einem jüdischen Illustrator nach Amsterdam abzusetzen - ihr Leben hätte also gänzlich anders verlaufen können, hätte er sie nicht abgewiesen. Wie erklären Sie sich, dass sie Ihnen das bis kurz vor ihrem Tod nicht erzählt hat?

Krönes: Wir hatten unregelmäßig auch nach dem Dreh immer wieder Kontakt. Da hat sich eine Vertrauensebene ergeben - daher hat sie uns ihre allerpersönlichste Geschichte anvertraut. Die hat ihr ganzes Leben geprägt - sie hatte ja später keine feste Beziehung mehr, ist kinderlos geblieben.

Weigensamer: Ich weiß nicht, ob sie es uns bewusst nicht erzählt hat. Sie hatte bestimmt noch vieles anderes zu erzählen, das wir nicht erfahren haben. Mit der richtigen Frage hätte sie es uns vielleicht erzählt, aber wir hatten ja keinen Ansatzpunkt. Es gehört auch immer Glück dazu, was man auslöst.

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA)

(S E R V I C E - „Ein deutsches Leben“ feiert morgen, Mittwoch, Österreich-Premiere im Rahmen der Diagonale und startet am 7. April in den österreichischen Kinos. www.a-german-life.com; Buch von Thore D. Hansen: „Ein deutsches Leben. Was uns die Geschichte von Goebbels Sekretärin für die Gegenwart lehrt“, Europa Verlag, 208 Seiten, 19,50 Euro.)




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