Letztes Update am Fr, 21.04.2017 08:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gewalt, Reggae und grauenhafte Übersetzung: Roman von Marlon James



Wien (APA) - Gewalt, Musik, Sozialprobleme, Politikintrigen - Marlon James hat diese Zutaten in einer rasanten, aufregenden, epochalen und verrückten Story über seine Heimat Jamaika verarbeitet. „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ist ebenso wahnwitzig wie stilistisch großartig aufbereitet. Leider geht in der nun erschienen deutsche Fassung vieles von der Atmosphäre des Originals verloren.

1976 weilte Bob Marley, in dem Roman nur als „der Sänger“ bezeichnet, in Kingston, um auf Initiative der sozialdemokratischen People‘s National Party (PNP) ein Friedenskonzert als Zeichen gegen die zunehmende Gewalt auf der Insel zu geben. Zwei Tage vor dem Auftritt drangen Bewaffnete in das Anwesen des Reggae-Stars und verletzten mehrere Personen, darunter auch Marley, durch Schüsse. Das Attentat blieb bis heute rätselhaft und dient James als „Aufhänger“ für seine Mammutwerk.

Im Mittelpunkt stehen Slum-Lords und Mitglieder verfeindeter Gangs (allesamt Killermaschinen), CIA-Agenten, ein Journalist, Politiker und Nina Burgess, ehemalige Freundin des Sängers. Ihre Stimme ist eine der interessantesten unter den vielen, die über die Ereignisse berichten. 75 Personen lässt James auftreten. Es ist eine seiner großen Leistungen, dass der Leser trotz der Vielzahl an Charakteren, wechselnden Blickwinkeln, stilistischen Brüchen und Zeitsprüngen nicht den Überblick verliert.

Gewalt zieht sich konsequent wie exzessiv über die rund 850 Seiten. Drogen, Paranoia und Machtgelüste gehen Hand in Hand. Wer den großen Krimischriftsteller James Ellroy, vor allem seine Underworld-Trilogie, und Quentin Tarantino schätzt, ist bei Marlon James sicher gut aufgehoben. Ellroy und Don De Lillo nennt James selbst als große Einflüsse. Gang-Poesie im Reggae-Rhythmus prägt die Sprache in „A Brief History Of Seven Killings“ und ist entsprechend schwer ins Deutsche zu übertragen, darum haben sich auch gleich fünf Personern an diese Arbeit gemacht.

Wenn man James höchstens vorwerfen kann, dass er reale Personen, die für Insider klar erkennbar sind, zu bemüht fiktionalisiert, so muss man den Übersetzern sagen, dass ihre fabrizierte Mischung aus deutschem und jamaikanischem Slang - wie „Was läuft bomobocloth wo?“ oder „Brethren, leg die Knarre hin“ - absolut grauenhaft ist. Und böse Männer in Kingston, die „nee“ und „angucken“ sagen, das geht überhaupt nicht - und fügt einem fantastischen Buch schweren Schaden zu.

(S E R V I C E - Marlon Jennings, „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“, Heyne Verlag, gebundene Ausgabe, 864 Seiten, 28,80 Euro)




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