Letztes Update am Mo, 01.05.2017 10:43

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Schlussstrich“ - Ivan Ivanjis unvollendete Balkan-Familiensaga



Belgrad/Budapest/Wien (APA) - „Schlussstrich“ heißt der neue Roman von Ivan Ivanji, und vielleicht soll der Titel als eine Art Botschaft verstanden werden. Der 1929 in der (heute serbischen) Vojvodina geborene Auschwitz-Überlebende mit Wohnsitzen in Wien und Belgrad hat schon viele zeithistorische Romane über den Balkanraum und Exjugoslawien geschrieben. Ob dies nun sein letztes Buch dieser Art ist, wird sich weisen.

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Wie manche seiner Vorgänger - etwa „Mein schönes Leben in der Hölle“ oder „Titos Dolmetscher“- ist auch der Roman „Schlussstrich“ stark autobiografisch geprägt. Auch wenn dies nicht explizit ausgeführt wird, hat die Geschichte des Hauptprotagonisten Rudolf Radvanyi viele - gewiss nicht zufällige - Ähnlichkeiten mit der 88-jährigem Vita Ivan Ivanjis, in der er unter anderem als Journalist, Diplomat und Dolmetscher des jugoslawischen Partisanenführers und Staatschefs Jozip Broz „Tito“ reüssierte und zudem einige Bücher schrieb.

Wie Ivanji stammt auch Rudolf aus einer jüdische Arztfamilie und wächst im serbischen Banat in einer Stadt auf, die seit dem Zweiten Weltkrieg Zrenjanin heißt. Zuvor - seit den Habsburgern - hatte sie aber auch schon die Namen Großbetschkerek beziehungsweise Veliki Beckerek oder Nagybecskerek getragen. Je nachdem, ob man sie nun auf Deutsch, Serbisch oder Ungarisch beim Namen nannte.

Diese Polyglottie ist bezeichnend für die von verschiedenen Ethnien und Religionen geprägte Region und deren wechselvolle Geschichte. Ivanji unterstreicht dies in seiner Mitte des 19. Jahrhunderts in Ungarn beginnenden Familiensaga. Der Großvater von Rudolf Radvanyi, der Veterinär Leopold, hieß noch Rotbart, ließ seinen Namen im Zuge der zunehmend nationalistischen Strömungen aber magyarisieren. Als dessen Sohn und Rudolfs Vater, Ferenc genannt Ferko, dann am Zweiten Weltkrieg als Feldarzt für die Partisanen Teil nimmt, „jugoslawisiert“ er seinen Namen gewissermaßen und nennt sich fortan Radovan.

Ivanji entwirft in seinem durchaus packenden Spätwerk ein literarisches Sippen- und Sittengemälde, indem er anhand der Schicksale einzelner und ihrer Familie einen geschichtlichen Bogen über rund 150 Jahre spannt. Seine Figuren haben höchst menschliche Bedürfnisse. Sie suchen etwa nach der wahren, aber auch der geschlechtlichen Liebe. Erstere finden sie nur selten, zweitere etwas öfter, doch macht sie auch nicht immer glücklich.

Zudem werden sie mit Krankheit, Verrat, Totschlag oder Angst konfrontiert. Mit Widrigkeiten eben, die das Leben (in Kriegszeiten) für den Einzelnen so parat hat. Sie sind aber auch hin oder hergeschobene Figuren in den Ränkespielen von Politik, Religionen, Ideologien, die sie in Kriege und Katastrophen führen, denen nicht zu entfliehen ist. Er zeigt wie sich ein - vielleicht nicht immer idyllisch-harmonisches aber doch gelebtes - Miteinander der Völker in ein von Nationalismen und Hass gezeichnetes Inferno verwandeln kann.

Ivanji verwebt geschickt individuelle Lebensläufe und makrosoziale und -politische Zeitläufe. Die Schwerpunkte liegen dabei im 19. Jahrhundert und vor allem in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, der nazideutschen Besetzung mit all ihren Grausamkeiten - aber auch gelegentlichen Lichtblicken wie den burgenländischen Nazi-Oberst, der mit oben erwähntem Rudolf ausgerechnet einen Juden als Spion anheuert und ihn so wahrscheinlich vor der Vernichtung rettet - und der Nachkriegszeit im Tito-Jugoslawien.

Es verwundert freilich etwas, dass Ivan Ivanji seine vielgliedrige Geschichte zwar bis fast in die Gegenwart zieht, den blutigen Zerfall Jugoslawiens in den 1990er-Jahren aber nur am ganz peripheren Rand streift. Er habe den Hass zwischen den Volksgruppen im ehemaligen Jugoslawien nicht wahrhaben wollen, sagte Titos früherer Dolmetscher einmal in einem Interview. Fast scheint es, als habe er das Thema auch aus ebendiesem Grund ausgespart. Vielleicht aber ist der allerletzte Schlussstrich doch noch nicht gezogen. Und Ivanji setzt sein Zeitepos noch einmal fort...

S E R V I C E - Ivan Ivanji: „Schlussstrich“, Picus Verlag, Wien 2017. 334 Seiten; 24,00 Euro)




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