Letztes Update am Do, 04.05.2017 08:48

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nagorny-Karabach: Sicherheit für Bewohner so wichtig wie der Status



Stepanakert (APA) - „Nagorny-Karabach will Grenzen, die abgesichert sind.“ Sicherheit für die Bewohner sei ebenso wichtig wie der Status des zwischen Aserbaidschan und Armenien umstrittenen Kaukasus-Gebiets. Dies betont der Diplomat Karen Mirzoyan in der Ständigen Vertretung von Berg-Karabach in Eriwan, der der österreichischen Delegation als „Außenminister“ vorgestellt wird.

Ziel sei nicht nur die Anerkennung, es brauche Sicherheitsgarantien, um einen neuen Krieg in der Region zu verhindern, sagt Mirzoyan. Er erinnert an den blutigen Zwischenfall im April 2016, als Aserbaidschan „die ganze Sicherheitsstruktur in der Region destabilisieren wollte“. Dies sei verhindert worden. (Präsident Ilham) „Alijew stempelt alle Armenier zu Feinden.“ Das aserbaidschanische Volk „muss entscheiden, was es will: ein reaktionäres oder ein moderneres Regime“.

Mirzoyan erinnert daran, dass sich die Karabach-Armenier, als die Unruhen zur Abspaltung der völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehörigen Region in den 90er Jahren begannen, an Armenien anschließen wollten. Aserbaidschan habe diesen Wunsch gewaltsam erstickt. So habe sich die armenische Mehrheitsbevölkerung für den Weg der Unabhängigkeit entschieden. Die Referenden 2006 und 2017 hätten ein Votum pro Unabhängigkeit ergeben, vor allem bei der Jugend.

Berg-Karabach, seit dem Waffenstillstand von 1994 ein „eingefrorener Konflikt“, ist auch nicht von der Republik Armenien anerkannt. Immerhin können die Karabacher mit armenischen Pässen reisen, über einen Korridor via Armenien. Der Flughafen von Stepanakert ist geschlossen. „Dieser Verrückte in Baku“ - gemeint ist Alijew - habe gedroht, auf jedes Flugzeug zu schießen. Mirzoyan spricht von „guten Beziehungen“ mit Gebieten der Region in ähnlicher Lage, wie Südossetien und Transnistrien. Mit diversen Staaten pflege man „freie Kontakte ohne Protokoll“.

„Nicht glücklich“ ist Mirzoyan darüber, dass Russland beide Seiten, Armenier wie Aserbaidschaner, im Karabach-Konflikt mit Waffen beliefert. Das Problem müsse „an der Wurzel gepackt werden“, statt diesen Wettlauf der Waffen fortzusetzen. Ob es noch Aseris in Nagorny-Karabach gebe? „Zehn“, sagt Mirzoyan ironisch. „Das Problem ist sehr delikat.“ Man wolle die Zurückgebliebenen nicht in Lagern unterbringen, Aserbaidschan könnte sie als Pfand benützen.

Nach dem Alltag befragt, meint er: „Wir kommen zurecht.“ Stepanakert sei eine friedliche Stadt. 2016 wurde ein Wirtschaftswachstum von 8,9 Prozent erzielt. Das Agrarland bemühe sich, IT-Firmen und Touristen anzulocken. Die Besucher erwarten wie in Armenien viele Kirchen und Klöster. Berg-Karabach ist eine Erzdiözese der Armenisch-Apostolischen Kirche. „Die Kirche war im Genozid an der Seite des Volkes“, sagt Mirzoyan, der nach eigenen Worten nicht sehr religiös ist.

Hart ins Gericht geht Mirzoyan mit den verbündeten Nachbarn Türkei und Aserbaidschan. Er kritisiert die „Familienpolitik“ der beiden autoritären Staaten; Aserbaidschan sei puncto Postenversorgung wie ein Ideenspender für die Türkei. „Sie denken in derselben autoritären Weise.“ Dabei wäre „eine demokratische und berechenbare Türkei“ als regionaler Akteur so wichtig. Lob spendet der Diplomat hingegen dem Iran, der von Anfang an keine einseitige Haltung eingenommen habe. „Der Iran zielt auf eine stabile Region ab.“

Auch armenische Kirchenführer äußern sich zu Nagorny-Karabach. Katholikos Karekin II. hebt hervor, die Kirche habe sich seit Ausbruch des Konflikts um eine friedliche Regelung bemüht. Der Karabach-Konflikt beruhte nicht auf religiösen Motiven, stellte er vor den österreichischen Journalisten ausdrücklich fest. „Die Aserbaidschaner versuchen, den Konflikt militärisch zu lösen.“ Die Region sei 1921 annektiert worden. Wie Nachitschewan, wo 60 Prozent der Bevölkerung armenisch waren. „Dort gibt es keine Spuren mehr.“

Mikael Ajapahyan, apostolischer Bischof der Diözese Schirak mit Sitz in Gyumri, beklagt, dass die Türkei keine Schritte in Richtung Aussöhnung setze. Die Kirche habe Jugendliche aus der Türkei eingeladen, umgekehrt geschah nichts. „Wir sind die Opfer. Die Grenzen wurden wegen eines Drittlandes geschlossen - Aserbaidschan.“

Aus diplomatischen Kreisen in Wien verlautete, dass die Schließung des OSZE-Büros in Eriwan drohe. Das OSZE-Büro in Baku wurde schon früher geschlossen. Altbundespräsident Heinz Fischer war kürzlich im Auftrag des österreichischen OSZE-Vorsitzes in Baku und Eriwan, wo er die Staatschefs traf. Aserbaidschans Botschafter in Wien hatte im Nachrichtenmagazin „profil“ jüngst „eine weitere Aufrüstung“ Armeniens in den besetzten aserbaidschanischen Gebieten kritisiert.




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