Letztes Update am Do, 04.05.2017 08:48

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Armeniens Katholikos Karekin: Genozid muss anerkannt werden



Eriwan (APA) - Das Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche, Katholikos Karekin II., ist überzeugt, dass Völkermorde wie in Armenien „in Zukunft von der Weltgemeinschaft als Verbrechen verurteilt werden“. Einige Staaten, so auch Österreich, hätten den Genozid anerkannt. An der Spitze der Verweigerer stehe „die Türkei, die den Genozid durchführte“, sagte der Katholikos.

Im Gespräch mit einer österreichischen Delegation, die zum Genozid-Gedenktag am 24. April nach Eriwan reiste, nahm sich Karekin II. mit Blick auf das Nachbarland kein Blatt vor den Mund. „Leider sind wir dieser Tage Zeugen, dass ähnliche Verbrechen gegen die Kurden begangen werden“, sagte er an seinem Sitz im Etschmiadzin. Dass die Kirche die Opfer des armenischen Völkermordes zu Märtyrern erklärte, „ist ein Trost für die armenische Nation“, fügte er hinzu. Armenien erlebe „eine spirituelle Erneuerung“.

„Mit großer Dankbarkeit“ erinnert sich der Katholikos an den Armenien-Besuch von Papst Franziskus im Vorjahr. „In machtvoller Weise“ habe das katholische Kirchenoberhaupt die Verfolgung der Armenier zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Genozid eingestuft. „Dafür erhält Papst Franziskus die Anerkennung aller christlichen Nationalen und Gemeinschaften.“ Bei Massakern ab 2015 wurden im Osmanischen Reich bis zu 1,5 Millionen Armenier getötet, was die Türkei nicht anerkennt.

Karekin: „Die türkische Regierung sollte imstande sein, diese schwere Bürde von ihren Schultern zu nehmen.“ Der Kirchenführer erinnerte an die Gespräche auf Präsidentenebene vor Jahren, wo unter Ausklammerung der Genozid-Frage eine Öffnung der Grenzen und andere praktische Maßnahmen anvisiert wurden. Mit dem Berg-Karabach-Konflikt als Argument lehnte die Türkei diese Vereinbarungen ab.

Laut Karekin verloren die Armenier seit dem Weltkrieg den Großteil ihres historischen Siedlungsgebietes. Tausende Kirchen und Klöster seien dem Verfall preisgegeben, weil niemand für die Erhaltung dieser Kulturgüter verantwortlich sei. Ein markantes Beispiel ist die Türkei, zu der der Berg Ararat und Ani, Hauptstadt des einstigen armenischen Königreichs, heute ein Ruinenfeld, gehören. In Georgien gibt es nur zwei funktionierende armenische Kirchen, neue Baugenehmigungen werden nicht erteilt.

Im Zusammenhang mit der jüngsten Entwicklung in der Türkei, wo der Staatspräsident sich in einem Volksentscheid eine Machtfülle von diktatorischen Ausmaßen sicherte, zeigte sich der Katholikos besorgt über das Wiederaufleben nationalistischer Strömungen. Glücklicherweise habe dies nicht zu Aktionen gegen Christen geführt. Von der EU erwarte er sich Solidarität mit den verfolgten Christen in der Nahost-Region und eine Bestrafung der Gräueltaten.

Für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten engagierten sich Kirche und Regierung seit Beginn der Konflikte aktiv. Die Kirche organisierte laut Karekin Spendenaktionen für die Immigranten, bei denen es sich durchwegs um geflüchtete Armenier aus Syrien und dem Irak handelt. Wohnungen wurden vermittelt, Gaststätten eröffnet. Staat und Kirche kooperieren eng: „Wir haben ähnliche Aufgaben für die armenische Nation, politisch bzw. spirituell.“

Auch der Diözesanbischof von Gyumri, Mikael Ajapahyan, fordert die Anerkennung des Völkermordes, der nicht geringer einzuschätzen sei als der jüdische Holocaust. Der Bischof macht einen Exkurs in die Geschichte: „Wir waren gute Bürger des Ottomanischen Reiches. Ist Sympathisieren mit den Russen ein Verbrechen?“ Er fährt sarkastisch fort: „Die Armenier litten, als die türkische Republik entstand. Die Sultane waren toleranter als die demokratisch gewählten Präsidenten.“ Die Mehrzahl der türkischen Armenier lebe in Istanbul, von den ehemals 2.000 armenischen Dörfern in der Türkei sei kaum mehr etwas übrig.

Ein Plädoyer für eine geeinte Kirche hält Dompfarrer Gregor von der armenischen katholischen Gemeinde in Gyumri, der Hauptstadt der Diözese Schirak. Bei der Kirchenspaltung habe es Gründe gegeben, doch aus heutiger Sicht „sollten wir vereint die Schwierigkeiten überwinden“. Pater Gregor erinnert an die mehrmaligen Treffen von Papst und Katholikos. Im Gebiet von Schirak gibt es rein katholische Dörfer, andere sind gemischt. Die Gläubigen werden auf rund 160.000 geschätzt. Katholische Geistliche sind in Armenien, Georgien und Russland tätig.

1937 wurde die armenisch-katholische Kirche verboten und in der Folge verfolgt. Das frühere Gotteshaus wurde in der Sowjet-Zeit zum Flüchtlingsquartier. „Doch mit dem Segen des Katholikos wurde eine neue Kirche gebaut und 2015 als Kirche der Märtyrer geweiht“, freut sich Pater Gregor. Er ist übrigens der erste Priester, der nach dem Zerfall der UdSSR geweiht wurde. 1992 lud Katholikos Vasgen I. einen Mechitharisten-Pater nach Gyumri ein.

Das Genozid-Gedenken am 24. April in Eriwan ist für ausländische Besucher ein beeindruckendes Erlebnis. Tausende Armenier aus dem ganzen Land und aus der Diaspora in Europa und Übersee gedenken der Opfer des Völkermords. Sie alle legen Blumen an der Gedenkstätte nieder. Dreimal täglich wird das Blumenmeer geleert. Auf großen Tafeln sind die Flaggen der Staaten dargestellt, die den Genozid anerkannt haben. Deutschland und Österreich sind auch dabei.

Im reich mit Fotos und Schriften bestückten Genozid-Museum wurde auch für den österreichischen Schriftsteller Franz Werfel eine Abteilung eingerichtet. Sein Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ ist Pflichtlektüre an allen Schulen Armeniens. Auch des türkisch-armenischen Publizisten Hrant Dink, der 2007 in Istanbul ermordet wurde, wird gedacht.




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