Letztes Update am Do, 04.05.2017 08:48

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Armenien: Politische Gratwanderung zwischen Großmächten und Nachbarn



Eriwan/Gjumri (APA) - Der kaukasische Kleinstaat Armenien befindet sich auf permanenter Gratwanderung mit den Großmächten und seinen Nachbarn. Dies wird im Gespräch mit Außenminister Eduard Nalbandyan in Eriwan deutlich. Sein Land pflege gute Beziehungen zu Russland, den USA, EU und Iran. Über das dornige Verhältnis zu Türkei und Aserbaidschan will Nalbandyan nicht ins Detail gehen.

„Hervorragend“ nennt der Minister gegenüber österreichischen Journalisten die Beziehungen zu Russland, doch von „Abhängigkeit“ könne man nicht sprechen. Mit der EU verhalte es sich ebenso: „Wir haben gemeinsame Werte, im besonderen christliche Werte.“ Eine Kooperation auf vielen Gebieten sei „willkommen“, wobei „unsere Verpflichtungen in anderen Formaten der Integration zu berücksichtigen sind“, formuliert es Nalbandyan vorsichtig.

In der Eurasischen Union gehe es um kollektive Sicherheit. In China, Japan und Südkorea erblickt der Minister gute Partner. Auch mit der NATO bestehe eine aktive Kooperation. Nalbandyan begrüßt die Nuklear-Verhandlungen von USA, EU und Russland mit dem Iran. „Wir wollen keine Destabilisierung des Iran.“ Es stelle sich die Frage nach dem Sinn von Sanktionen. Im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt erinnert er an die dortige langjährige Präsenz von Armeniern, auch auf der Krim.

Zwei Drittel der Armenier leben im Ausland, der Großteil des armenischen Siedlungsgebietes gehöre zu anderen Staaten. Nur 3,2 Millionen zählt die Republik, die nicht einmal 30.000 Quadratkilometer groß ist. Zum Konflikt um Nagorny-Karabach, das völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört und heute fast ausschließlich armenisch bevölkert ist, vertritt der Außenminister eine „klare“ Position, wie er sagt: „Das Volk von Nagorny-Karabach sollte sein Recht auf Selbstbestimmung ausüben.“

Nalbandyan verteidigt die Parlamentswahlen vom April, wo die Republikanische Partei von Staatspräsident Sersch Sarkissjan nahe an die Mehrheit herankam. „Hauptziel war mehr Demokratie“, so der Minister mit Blick auf den Volksentscheid von 2015, wo - diametral zur Türkei - die Exekutivmacht ab 2018, wenn Sarkissjan abtritt, einem Regierungschef übertragen wird. Die Wahlen seien „transparent“ und vor über 800 Beobachtern verlaufen. Erstmals habe es nach einer Wahl keine Proteste gegeben, kommentiert Nalbandyan vereinzelte OSZE-Kritik am Urnengang.

Über die Entwicklung in der verfeindeten Türkei macht man sich im Außenamt von Eriwan keine Illusionen. Das Land sei nach dem Ausgang des Präsidialreferendums, das Staatschef Recep Tayyip Erdogan praktisch uneingeschränkte Vollmachten verschafft, zutiefst gespalten, meinen Diplomaten. Erdogan gebärde sich in Worten und Gesten wie ein Diktator.

Das Verhältnis Staat-Religion ist in Armenien ein besonderes. War doch Armenien, historisch umkämpft vom römischen und persischen Reich, der erste Staat auf Erden, der das Christentum zur Staatsreligion erhob (301 n. Chr.). „Religion war immer ein Bestandteil der eigenen Tradition und Identität“, so Nalbandyan. Er spricht von „voller Harmonie zwischen Apostolischer Armenischer Kirche und dem Volk“. Wie die Kirchenführer freuten sich die Politiker im Vorjahr, als Papst Franziskus I. seinen Besuch als „Pilgerfahrt in das erste christliche Land“ bezeichnete.

Eine große Rolle spielt auch die Diaspora, die den Staat bei der Renovierung von Kulturgütern, aber auch bei Infrastrukturprojekten finanziell kräftig unterstützt. Mit den Millionen eines US-armenischen Mäzens wurde der Matenadaran mit seiner weltberühmten kostbaren Handschriftensammlung restauriert. Exil-Armenier tätigen aber auch Investitionen. Unter den EU-Mitgliedern engagiert sich Frankreich, das eine große Armenier-Community hat, mit über 100 Firmen am stärksten.

Auch der Aurora-Menschenrechtspreis ist eine Initiative zweier Auslandsarmenier, eines Russen und eines Amerikaners. Im Auswahlkomitee sitzt US-Star George Clooney, der im Vorjahr zur Aurora-“Premiere“ angereist war. Eine Sudanesin war 2016 die erste Preisträgerin. Die Aurora-Initiative (1 Million Preisgeld) sei „ein Dank für das eigene Überleben nach dem Genozid“, sagte der Bostoner Sponsor Vartan Gregorian kürzlich bei der Präsentation der heurigen Finalisten im Matenadaran.




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