Letztes Update am Do, 18.05.2017 12:48

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Flüchtlinge - Ärzte ohne Grenzen kritisiert EU-Politik im Mittelmeer



Wien (APA) - Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat die Kritik an ihrem Einsatz im Mittelmeer erneut zurückgewiesen. Die Seenotrettung sei notwendig und nur ein „Symptom einer immer restriktiver werdenden EU-Politik, die die Menschen auf immer gefährlichere Routen treibt“, so Mario Thaler, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich am Donnerstag in Wien. Den Flüchtenden mangle es an Alternativen.

„Ja, Ärzte ohne Grenzen rettet Menschen aus der Seenot und wir werden es weiter tun, weil das der humanitäre Imperativ fordert. Als humanitäre Organisation können wir es nicht zulassen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken“, betonte Thaler bei der Vorstellung des Jahresberichtes von MSF. Bei der Rettung von in Seenot geratenen Asylsuchenden im Mittelmeer treffe die Hilfsorganisation vermehrt auf Menschen, die über Misshandlung, Folter, Prostitution, Ausbeutung und Entführungen berichten. Trotz der Qualen, die die Menschen auf ihrer Flucht durchleben, nehmen sie den Weg auf sich, weil es - so Thaler, schlicht an Alternativen, an „legalen Wegen“ fehle. „Es gibt derzeit keine Möglichkeit, legal um Asyl anzusuchen“ - dies sei aber die einzige langfristige Lösung. Zudem brauche es eine Ausweitung der Mission der EU-Grenzschutzagentur Frontex.

Die „Pauschalanschuldigungen“ der vergangenen Tage und Wochen verurteilte der MSF-Österreich-Chef. Diese „zunehmende Kampagnisierung und Kriminalisierung der Hilfe und der Helfer im Mittelmeer“ würde die gesamte Hilfe „in ein schiefes Licht rücken“. Ein italienischer Staatsanwalt hatte vor einigen Wochen behauptet, „Beweise“ dafür zu haben, dass einige NGOs, die im Mittelmeer arbeiten, direkte Kontakte zu Schleppern in Libyen hätten. Thaler dementierte: „MSF hat keine Kontakte zu Schleppern und ist jederzeit bereit, mit den Behörden zusammenzuarbeiten.“

Die zunehmende Kritik an der Arbeit von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Mittelmeer führte Thaler auf „politische Hilflosigkeit“ zurück. Zu den Aussagen von Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP), der Ende März ein „Ende des NGO-Wahnsinns“ im Mittelmeer forderte, sagte Thaler, er habe diesbezüglich ein klärendes Gespräch mit Kurz geführt und ihn gebeten, sich künftig „genau zu überlegen, welche Aussagen man wie trifft“.

Die Idee, Flüchtlingscamps in Nordafrika zu errichten, unterstützt Ärzte ohne Grenzen nicht. Camps in Südlibyen seien überhaupt „komplett illusorisch“, so Thaler. MSF-Mitarbeiter Tankred Stöbe, der vor allem in Flüchtlingszentren in und um die libysche Stadt Tripolis im Einsatz war und ist, berichtete, dass keine der von ihm besuchten Einrichtungen als „zumutbar“ zu bezeichnen sei. Keine Duschen, keine WC-Anlagen, nicht genügend Essen und unzureichende medizinische Versorgung seien die größten Probleme neben der Gewalt, der die Schutzsuchenden ausgesetzt sind. „Wenn wir in Europa darüber sprechen, dass man Flüchtlinge dorthin zurückzuschicken, dann zeugt das nur von einer krassen Unkenntnis der Situation in Libyen“, betonte Stöbe und kritisierte gleichzeitig die „Stippvisiten von nur wenigen Stunden“ europäischer Politiker in dem krisengeschüttelten Land.

Allein in diesem Jahr rettete Ärzte ohne Grenzen rund 8.000 Menschen aus der Seenot im Mittelmeer, im vergangenen Jahr waren es über 20.000, dabei waren 5.000 Tote zu beklagen. Ärzte ohne Grenzen ist die größte von etwa zehn Hilfsorganisationen, die sich an der Rettung von Migranten im Mittelmeer beteiligt.




Kommentieren