Letztes Update am So, 21.05.2017 10:21

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Filmfestspiele Cannes - „Teheran Tabu“: Die zwei Gesichter des Irans



Cannes/Wien (APA) - Es war ein besonderer Tag, an dem die deutsch-österreichische Koproduktion „Teheran Tabu“ ihre Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes feierte: Schließlich wurde am Samstag zeitgleich der Wahlsieg des moderaten iranischen Präsidenten Rohani verkündet. „Wir hatten also zwei Gründe, heute Nacht nicht zu schlafen“, spielte Regisseur Ali Soozandeh auf die Lage in seiner alten Heimat an.

Schließlich hat der Debütfilm des mittlerweile in Deutschland lebenden Filmemachers eben jene Situation im Iran der Mullahs zum Thema. Die Perspektive, unter der diese Gesellschaft in „Teheran Tabu“ betrachtet wird, ist dabei vor allem die der Frauen. Im Zentrum des Werks stehen drei starke Iranerinnen: Die unter ihrer repressiven Ehe leidende Hausfrau Sara (Zahra Amir Ebrahimi), die junge Donya (Negar Nasseri), die nach einem Onenightstand mit dem Musiker Babak (Arash Marandi) ihr Jungfernhäutchen wiederherstellen lassen will, und allen voran die dominanteste, weil stärkste Figur Pari (Elmira Rafizadeh). Die alleinerziehende Mutter verdient ihren Lebensunterhalt als Prostituierte und widersetzt sich den Repressionen als der kraftvollste Charakter der drei Protagonistinnen dennoch am geschicktesten.

So porträtiert „Teheran Tabu“ ein rigoros patriarchales, doppelmoralisches System, das den Frauen am Ende keine Chance lässt, sondern sie zum Spielball religiös verbrämter Unterdrückung macht. Dabei zeigt der Film die beiden Ebenen, die das Leben in einem repressiven System wie dem Iran meist einnimmt: Das öffentliche, dem Regime wohlgefällige und das private, in welchem die Verbote kunstfertig umgangen werden. Der gesitteten Fassade steht ein Untergrund aus Drogen, Sex und Gewalt gegenüber.

Tabus kann man entweder brechen oder sich ihnen beugen. Regisseur und Drehbuchautor Soozandeh wählt für seinen Erstling den Weg der Konfrontation, zumindest auf der narrativen Ebene. Nicht mitleidslos, aber doch zugespitzt auf extreme Situationen, folgt das Werk seinen Figuren. Die Rolle des stummen Betrachters und damit des Alter Egos des Zuschauers hat Elias inne, der Sohn der Prostituierten Pari, der selbst dann dabei ist, wenn seine Mutter bei einem Freier ist. Er beobachtet meist scheinbar teilnahmslos das Geschehen, ist Zeuge und zugleich die kleine Hoffnung auf Veränderung durch das Entstehen einer neuen Generation in der jungen Gesellschaft des Iran.

Dass „Teheran Tabu“ mit seiner klaren Haltung und Parteinahme nicht in Pathos abgleitet, ist einerseits dem unaufdringlich eingesetzten Humor geschuldet, andererseits dem distanzierenden Umstand, dass er letztlich ein Animationsfilm ist. Die Technik, die hinter „Teheran Tabu“ steht, ist die Rotoskopie. Zunächst wurden die Schauspieler in Wien vor einem Green Screen gefilmt, bevor das Material im Nachhinein in eine animierte Welt umgearbeitet wurde. Damit stellt sich die deutsch-österreichische Koproduktion in die Tradition von Werken wie „Waltz with Bashir“ oder „Persepolis“, die sich dem Themenkomplex des Nahen Ostens in der Gestalt von Zeichentrickarbeiten stellen. Durch die Abstrahierung des Geschehens in eine animierte Zeichenwelt, kommt man dabei gleichsam einer Kultur entgegen, in welcher das Bilderverbot nach wie vor eine starke Rolle spielt

Und doch bleibt bei dieser ästhetischen Entnaturalisierung die Leistung des Teams aus deutschen Schauspielern mit iranischen Wurzeln unangetastet - ungeachtet einiger hölzerner Nebenrollen. Mit von der Partie ist dabei auch der Österreicher Klaus Ofczarek, Vater von Burgtheater-Ikone Nikolaus, wobei seine Rolle als Großvater nicht der einzige heimische Beitrag ist, zeichnete für die Kamera doch Martin Gschlacht („Ich seh Ich seh“) verantwortlich, der mit seiner Produktionsfirma coop99 auch als Koproduzent des Werks auftritt.

Valeska Grisebachs „Western“ - eine Koproduktion von coop99 mit Komplizen Film - hatte bereits am Donnerstag in der offiziellen Nebenschiene „Un Certain Regard“ Premiere. Der gemeinsam mit der Kölner Little Dream Entertainment realisierte „Teheran Tabu“ kämpft hingegen bei der Kritikernebenschiene „Semaine de la Critique“ um den Hauptpreis, der bereits am Donnerstag (25. Mai) vergeben wird. Die Aufnahme des Publikums in Cannes fiel jedenfalls schon einmal freundlich aus.

(S E R V I C E - www.coop99.at)

(A V I S O - Die APA hat am 18. Mai ein Interview mit den beiden „Teheran Tabu“-Produzenten Bruno Wagner und Martin Gschlacht versendet: APA072 Filmfestspiele Cannes: Wiener coop99 zeigt zwei Koproduktionen 1 APA073 Filmfestspiele Cannes 2: „Österreichischer Kinomarkt allein zu klein“)




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