Letztes Update am Mo, 05.06.2017 08:03

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Gerda Lerners „Es gibt keinen Abschied“: Beredtes Zeugnis der 1930er



Wien (APA) - Als die Exil-Österreicherin Gerda Lerner 2013 im Alter von 92 Jahren in Madison (US-Staat Wisconsin) starb, wurde die Historikerin als Pionierin der Erforschung feministischer Themen gewürdigt. Während sie später als Wissenschafterin reüssierte, war sie zuvor aber auch Literatin. Der 1953 erstmals erschienene Roman „Es gibt keinen Abschied“ über die 1930er Jahre in Wien wurde nun neu aufgelegt.

Dieser - im deutschsprachigen Raum erstmals unter dem Pseudonym Margarete Rainer publiziert - trägt zweifellos autobiografische Komponenten oder basiert zumindest auf persönlichen Erfahrungen der Autorin, die am 30. April 1920 in Wien als Gerda Kronstein geboren wurde und in einer assimilierten jüdischen Familie aufwuchs.

Im April 1938 - knapp nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland Adolf Hitlers - wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter kurze Zeit inhaftiert, bevor sie im September über Liechtenstein und Großbritannien 1939 alleine in die USA emigrierte. Sie schlug sich als Dienstmädchen, Kellnerin, Verkäuferin, Abwäscherin oder Kindermädchen durch, ehe sie an der Universität von Wisconsin - vor allem mit frauengeschichtlichen und sozialen Themen wie der Rassentrennung in den USA - Karriere machte.

Neben ihrem wissenschaftlichen Werk schrieb Lerner auch Short Stories und Drehbücher, und vor allem den Roman „Es gibt keinen Abschied“. In diesem entwirft sie ein Familienszenario im Wien zwischen 1934 und 1938. Eindrücklich veranschaulicht Gerda Lerner, wie unter dem herrschenden Austrofaschismus und dem herandräuenden Nationalsozialismus die politischen und sozialen Veränderungen in das Leben der Menschen erst einsickern, um dann massiv höchst persönliche und engste Beziehungen zerfetzen.

Februar 1934: In Wien herrscht Bürgerkrieg. Das dem Ständestaat dienende Bundesheer beschießt den Karl-Marx-Hof. Unter den Verteidigern aufseiten der organisierten Arbeiterschaft ist der Medizinstudent Gustl Bergschmidt. Der Student ist Sohn eines an sich sozialdemokratischen Nationalrats, der allerdings von ihm abrückt, weil ihm der Nachwuchs etwas zu radikal erscheint. Tatsächlich bringt der Kampf um den Gemeindebau in Heiligenstadt dem jungen Mann einen einjährigen Gefängnisaufenthalt ein.

Das geordnete Leben der Familie Bergschmidt und ihrer Freunde zerbricht. Manche - wie Gustl - engagieren sich im Widerstand, andere - wie seine Schwester - arrangieren sich mit den jeweiligen Machthabern, auch, um ihrer sozialen Stellung nicht verlustig zu gehen. Auch der Vater, der ehemalige sozialdemokratische Abgeordnete, erweist sich als Wendehals und tritt im Frühjahr 1938 rechtzeitig der NSDAP bei. Wie im Großen wird die Gesellschaft auch im kleinen, familiären Rahmen zunehmend auseinandergerissen.

Die Autorin und ehemalige Augen- und Ohrenzeugin malt ein ebenso zwiespältiges wie aufwühlendes Stimmungsbild Wiens in Zeiten folgenschwerer politischer und sozialer Umbrüche in den Jahren 1934 bis 1938. Einer Stadt, die sie zuerst vertrieb, später aber posthum ehrte, indem eine Wohnhausanlage nach der verlorenen Tochter benannt wurde.

Mit gutem Grund: Der Roman ist - ebenso wie das explizit autobiografische Werk „Feuerkraut“, das auf Deutsch zuletzt 2015 aufgelegt wurde - zweifellos ein äußerst beredtes Beispiel von Lerners literarischem Schaffen, das sie später zugunsten ihrer brillanten wissenschaftlichen Karriere im US-amerikanischen Lebensexil aufgab.

S E R V I C E - Gerda Lerner: Es gibt keinen Abschied. Czernin Verlag, Wien 2017. 352 Seiten, 24,90 Euro. ISBN 978-3-7076-0610-2




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