Letztes Update am Mo, 05.06.2017 10:36

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wiener Festwochen: Meeses manische Mythenmixmaschine „Mondparsifal“



Wien (APA) - Meeses Mondfahrt in der Villa Wahnsinn hat am Sonntagabend abgehoben: Die große Musiktheaterproduktion der ersten Wiener Festwochen unter Tomas Zierhofer-Kin hat dabei die Performance-Fans im Theater an der Wien begeistert. Jonathan Meeses Mythenmix „Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)“ wurde am Ende, nach vier Stunden, bejubelt.

Am System Bayreuth war Meese mit seinen Ideen für eine ursprüngliche geplante Regie von Wagners „Parsifal“ 2016 noch gescheitert. Und nach der gestrigen Premiere kann man sich lebhaft vorstellen, dass Katharina Wagner als Chefin des Grünen Hügels mit Meese ihre Probleme hatte. James Bond und Star Trek, Gralsritter und Manga, die Nibelungen und Drogenpapst Timothy Leary stehen hier gleichberechtigt nebeneinander. Alles geht zusammen oder eben auch nicht, bildet den Meese-Kosmos aus populärkulturellen Versatzstücken, die keine Grenze zur Hochkultur akzeptieren.

Parsifal wandelt zwei Akte lang im Styling von Kämpfer Zed aus John Boormans Sci-Fi-Dystopie „Zardoz“ mit Suspensorium und nacktem Oberkörper durch die Szenerie und wird vom deutschen Counter Daniel Gloger im forcierten Falsett geboten, während Wolfgang Bankl - sonst routinierter Klingsor an der Staatsoper - als Gurnemanz optisch das Alter Ego von Meese ist. Und Klingsors Zaubergarten wird von einem Burning Man dominiert. Darin lässt sich Martin Winkler, die vielleicht coolste Sau im Opernbetrieb, als Klingsor von einem riesigen Teddybären einen blasen - Parsifellatio gewissermaßen, oder doch Parsiphallus? -, während er Klopapier frisst und Blumenmädchen im japanischen Schulmädchenoutfit die Szenerie umtanzen.

Schließlich wird auch noch Fritz Langs Monumentalwerk „Die Nibelungen“ im 3. Akt auf den Bühnenhintergrund projiziert und eröffnet so eine weitere Schusslinie in diesem Sperrfeuer der Impressionen. Zum Drüberstreuen wird die Übertitelanlage nicht nur für ihren sonst üblichen Zweck verwendet, sondern dient als Reklamewand für Kunstpamphlete im Stile des Meese‘schen Sprechstakkatos.

Ähnlich wie Meese bedient sich auch Komponist Bernhard Lang an allem, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist, auch wenn das Libretto selbst zu einem guten Teil der Wagner-Vorlage entstammt. Der musikalische Beginn erinnert noch stark an Wagners Urgrundmusik zum „Rheingold“, bevor die verschiedensten „Parsifal“-Motive durch Repetition oder Verlangsamung ihrem ursprünglichen Kontext enthoben werden - was vor allem für den 1. und 3. Akt gilt. Selbst die Gralsglocken kommen hier zum Einsatz, wenn Lang der harmonischen Grundstruktur des Wagner-Werks erstaunlich nahe folgt. Im 2. Aufzug verlässt Lang hingegen verstärkt die Wagner-Schmiede und paraphrasiert vermehrt jenen Elektrojazz, der in den Sci-Fi-Serien der 60er-Jahre fröhliche Urstände feierte. Hier klingt das Klangforum eher wie das nicht mehr existierende Vienna Art Orchestra.

Am Ende stellt sich die Frage: Ist das Ganze eine sehr schnelle Installation, oder eine sehr langsame Performance? Es könnte auch noch zwei Stunden so weitergehen oder auch zwei Stunden früher aus sein. Letztlich verlöre das Gesamtkonstrukt nichts. Meeses Themenblöcke sind seit Jahrzehnten dieselben: Die Mutter, der Wagner, die Diktatur der Kunst, vor der beständig salutiert wird. Und so ist der „Mondparsifal“ mehr Hommage denn Pastiche - an Wagner und als Eigenzitat an Meese selbst. Hochmut kommt eben vor dem Parsifal.

Als Einstieg in die Mythenwelt Wagners oder Meeses ist dieser „Mondparsifal“ ähnlich geeignet wie „Star Trek“-Folge 76, um sich ohne Vorkenntnisse in das Serienuniversum einzuklinken. Letztlich ist das Meese-Projekt ein Setzkasten, aus dem sich der hochkulturell geschulte Theatergeher wie das Kind nachts im Zuckerlgeschäft das heraussuchen kann, was ihm gefällt, bis ihm schlecht wird. Für „Parsifal“-Eleven bleibt der Abend hingegen vermutlich so erratisch wie Klingonisch für das ungeübte Ohr.

Die Meese-Festspiele in Wien gehen dabei auch abseits des Theater an der Wien weiter. Im Kunsthistorischen Museum ist noch bis 18. Juni die Intervention „Parsifal‘s Traum: Chefsache ‚K.U.N.S.T‘“ zu sehen, während in der renommierten Galerie Krinzinger bis 8. Juli die Schau „De Pakt mit Richard Wagnerz“ (sic!) die Beschäftigung des Allroundkünstlers mit dem „Parsifal“ nachzeichnet. Und wer auch dann noch nicht genug von Meese, Lang und Parsifal hat, muss im Oktober zu den Berliner Festspielen reisen, wo ihre Beta-Version des Stoffes gezeigt wird.

(S E R V I C E - „Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)“ von Bernhard Lang/Jonathan Meese im Rahmen der Wiener Festwochen im Theater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien. Musikalische Leitung des Klangforum Wien: Simone Young, Regie, Bühne und Kostüme: Jonathan Meese, Licht: Lothar Baumgarte. Mit: Tomas Tomasson - Amphortas/Amfortas, Wolfgang Bankl - Gurnemantz/Gurnemanz, Daniel Gloger - Parzefool/Parsifal, Martin Winkler - Clingsore/Klingsor, Magdalena Anna Hofmann - Cundry/Kundry, Alexander Kaimbacher - 1. Gralsritter, Andreas Jankowitsch - 2. Gralsritter, Johanna von der Deken - 1. Knappe, Sven Hjörleifsson - 2. Knappe, Manuela Leonhartsberger - Blumenmädchen, Xiaoyi Xu - Blumenmädchen, Melody Wilson - Blumenmädchen und Marie-Pierre Roy - Blumenmädchen. Weitere Aufführungen am 6. und 8. Juni. www.festwochen.at)




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