Letztes Update am Mo, 05.06.2017 11:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Incirlik - Stützpunkt, Drehkreuz, Streitpunkt



Berlin (APA/AFP) - Stützpunkt, Drehkreuz, Streitpunkt - der Bundeswehreinsatz im türkischen Incirlik sorgt seit langem für Zwist zwischen Berlin und Ankara. Jetzt dürfte er zu Ende sein: Am Montag bekräftigte die türkische Seite, es bleibe beim Besuchsverbot für Bundestagsabgeordnete auf der Luftwaffenbasis. Für diesen Fall hat Berlin den Abzug der Soldaten aus Incirlik angekündigt.

Die Bundeswehr beteiligt sich seit mehr als einem Jahr von Incirlik aus am internationalen Einsatz gegen die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und im Irak. Die Basis liegt am Rande der Großstadt Adana rund hundert Kilometer von der syrischen Grenze entfernt.

Knapp 280 deutsche Soldaten sind aktuell dort stationiert. Sie kümmern sich um die bis zu sechs Tornado-Aufklärungsflugzeuge, die über Syrien und dem Irak zum Einsatz kommen. Sie flogen seit dem ersten Aufklärungsflug im Jänner 2016 mehr als 800 Einsätze.

Von Incirlik aus startet auch ein deutsches Airbus-Tankflugzeug, das die deutschen und die Flugzeuge verbündeter Nationen in der Luft mit Treibstoff versorgen kann. Es betankte in seinen über 360 Einsätzen andere Flugzeuge der Koalition mit tausenden Tonnen Treibstoff. Der zunächst auf ein Jahr befristete Einsatz wurde im November vom Bundestag bis Ende 2017 verlängert.

Forderungen nach einem Abzug aus Incirlik gab es immer wieder. Die Gründe für die Spannungen zwischen Ankara und Berlin sind vielfältig - abgesagte Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in Deutschland, die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel und die von Deutschland anerkannten Asylanträge türkischer Soldaten, die der Grund für das jüngste Besuchsverbot sein dürften.

Bereits im vergangenen Jahr hatte Ankara deutschen Abgeordneten aus Ärger über die Resolution des Bundestags, in der die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord eingestuft wurden, den Zugang zu dem Stützpunkt verweigert. Daraufhin drohte Berlin mit dem Abzug der dort stationierten Tornados. Der Streit wurde erst nach mehreren Monaten beigelegt.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums gibt es „alternative Standorte“, auf welche die Bundeswehr für den Einsatz ausweichen könnte - etwa in Jordanien.

Der Militärflughafen Incirlik wurde in den vergangenen Jahrzehnten bereits wiederholt für Militäreinsätze in der Region genutzt. US-Ingenieure hatten die Basis in den frühen 50er-Jahren errichtet. Laut einer 1954 geschlossenen Vereinbarung zwischen der Türkei und den USA wird der Stützpunkt von den Luftwaffen beider Länder genutzt, wobei die Türken die Gastgeberrechte besitzt. Die Basis spielt auch bei der Sicherung der NATO-Südflanke eine wichtige Rolle.

~ WEB http://www.nato.int/ ~ APA152 2017-06-05/13:29




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