Letztes Update am Mo, 05.06.2017 21:27

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Komiker auf der Anklagebank: Bill Cosbys Strafprozess in Pennsylvania



Norristown (dpa) - Keisha Knight Pulliam hätte wohl kaum geahnt, dass sie ihren Schauspielerkollegen Bill Cosby Jahre später unter diesen Umständen wiedersehen würde. Als fiktive Tochter Rudy hatte sie an der Seite von Sitcom-Familienvater Cliff Huxtable in der „Bill Cosby Show“ gespielt, die den Entertainer in den 1980er und 90er Jahren beliebt, berühmt und reich machte.

Nun steht sie vor einem Gerichtsgebäude im Städtchen Norristown in Pennsylvania an seinem Geländewagen, um ihn unterzuhaken und zum Eingang zu führen. Anlass: Cosbys erster Strafprozess wegen mutmaßlicher sexueller Nötigung.

Der 79-Jährige wirkt etwas schwerfällig, aber selbstsicher, als er sich von seinem Assistenten aus dem Auto helfen und das passende dunkle Anzugjackett überstreifen lässt. Er lächelt, plaudert mit Pulliam, lässt seinen Gehstock ein paar Mal an seinen rechten Knöchel tippen. Auf Zurufe aus der Reporter-Schar reagiert er nicht. Bill Cosby sieht an diesem Montagmorgen nicht aus wie ein Mann, der sich kurz vor einer Verurteilung zu einer jahrelangen Haftstrafe fühlt.

Dabei sehen genau das einige Beobachter kommen. 60 Frauen haben Cosby mittlerweile sexuelle Übergriffe vorgeworfen, strafrechtliche Folgen hatte bisher allerdings keiner dieser mutmaßlichen Fälle. Gegenstand des laufenden Verfahrens sind sie bis auf eine einzige Ausnahme auch nicht. Es geht strafrechtlich einzig und allein um Andrea Constand, der Cosby im Jänner 2004 einschläfernde Tabletten verabreicht und sie sexuell missbraucht haben soll.

Trotzdem wirkt dieser Prozess stellvertretend für die ganze Masse an Anschuldigungen gegen Cosby - und irgendwie auch für alle unzähligen Fälle von Vergewaltigungen, die stillschweigend hingenommen oder nicht strafrechtlich verfolgt werden. Wer in den USA den Namen Bill Cosby liest oder hört, denkt unweigerlich an Sexualstraftaten. Und das, obwohl der Mann bisher noch nie dafür verurteilt wurde.

Umso gründlicher scheint Richter Steven O‘Neill die Geschworenen belehren zu wollen, die über Cosbys Schicksal entscheiden, als sie zum ersten Mal im vollen Saal Platz genommen haben. „Sie müssen sehr genau verfolgen, was im Lauf des Verfahrens gesagt wird“, sagt O‘Neill in seiner einstündigen Erklärung. Mit fester Stimme stellt er klar: „Sie sind für eine der wichtigsten Bürgerpflichten ausgewählt worden.“ Cosby hat sich der Gruppe zugewandt - sehen kann er sie nicht. Eigener Aussage zufolge ist er mittlerweile blind.

„Es gibt keinen Zweifel, dass er ihr eine Pille gab. Es gibt keinen Zweifel, dass er mit ihr sexuellen Kontakt vornahm, nachdem sie diese Pille einnahm“, sagt Staatsanwältin Kristen Feden in ihrem Plädoyer. Sie zeichnet das Bild eines mächtigen TV-Stars, der seinen Einfluss und seine Berühmtheit an der Temple Universität ausnutzte, um sich an Frauen zu vergreifen. „An der Temple war Bill Cosby eine Legende“, sagt Feden. Auch Constand habe zu diesem mehr als 30 Jahre älteren Prominenten aufgeschaut. „Sie glaubte an eine ehrliche Freundschaft, eine ehrliche Vorbildfigur, aber sie irrte sich.“

Bis ins kleinste Detail dürfte die Staatsanwaltschaft im Lauf der nächsten zwei bis drei Wochen ausführen, was sich in Cosbys Haus abgespielt haben soll. „Nachdem Andrea diese Tabletten nahm, wurde ihr schwindelig und übel. Er half ihr zur Couch, legte sie hin. Während sie das Bewusstsein verlor und wiedererlangte, wurde sie Zeuge, wie ihr Körper für seine sexuelle Befriedigung benutzt wurde“, sagt Feden.

Cosbys Anwalt Brian McMonagle versucht, die Jury kumpelhaft auf seine Seite zu ziehen. „Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber...“, beginnt er sein Plädoyer. Wen die Juroren in Bill Cosby sehen würden? „Möglicherweise sehen Sie einen brillanten Comedian, der uns zu Zeiten in unserem Leben lächeln ließ, als es vielleicht schwierig war, zu lächeln. Jemand, der das Größte erreicht hat und jemand, der eine nicht auszuhaltende persönliche Tragödie erlitten hat.“ McMonagle erinnert daran, dass Constands Aussagen bei der Polizei widersprüchlich gewesen seien, dass sie wichtige Details erst ausgelassen und später ergänzt habe.

Als erste sitzt im Zeugenstand Kelly Johnson, die in den 1990er Jahren in Los Angeles als Assistentin bei Cosbys Agentur arbeitete. „Ich hatte höchsten Respekt und Bewunderung für ihn, beruhend darauf, was Millionen andere Amerikaner, vor allem Afroamerikaner, über ihn dachten“, sagt die schwarze Frau mit Blick auf Cosbys Show und seinen Erfolg. Doch seine Annäherungsversuche, die ständigen Anrufen bei ihr zu Hause, die zu große Nähe, das alles sei ihr unangenehm gewesen.

Mit teils zitternder Stimme beschreibt Johnson, was auch Constand durchgemacht haben könnte, falls sich die Vorwürfe bewahrheiten sollten: Eine „große, weiße Pille“ zur „Entspannung“ habe Cosby ihr einen Abend in einem Hotel angeboten. „Ich war extrem verängstigt, ich war sehr nervös.“ Die Pille habe sie erst unter ihrer Zunge verstecken und heimlich im Bad ausspucken wollen, doch Cosby habe sich durchgesetzt. Beim Gang auf die Toilette habe sie am Waschbecken lauter Dosen mit verschreibungspflichtigen Tabletten gefunden. „Wie unter Wasser“ habe sie sich gefühlt - dann sei der Blackout gekommen.

Erst auf dem Bett im Schlafzimmer sei sie wieder zu sich gekommen, sagt Johnson. „Mein Kleid war von unten hochgezogen und von oben runtergezogen und meine Brüste waren frei und ich fühlte mich nackt.“ Als sie schildern soll, wie Cosby sich mutmaßlich mit ihrer Hand selbst befriedigte, bricht Johnson in Tränen aus. Cosbys Gesicht, mit dem er einst so lustige Grimassen schnitt, zeigt kein Lächeln mehr, sondern eine ernste, nachdenkliche Miene.




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