Letztes Update am Di, 06.06.2017 11:06

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Mit körpereigenen Signalstoffen gegen Schmerzen und Angstzustände



Bern (APA/sda) - Forscher der Universität Bern haben einen neuen Ansatz gefunden, um mithilfe körpereigener Signalstoffe Entzündungen, Angstzustände und Schmerzen zu bekämpfen. Dabei geht es Botenstoffe, die eine ähnliche Wirkung haben wie Cannabinoide aus Hanf.

Die vom Körper produzierten Cannabinoide (Endocannabinoide) spielen eine wichtige Rolle im Gehirn und im Immunsystem. Sie docken an spezifische Cannabinoid-Rezeptoren an und können so unter anderem entzündungshemmend und schmerzstillend wirken. Dieses System wollen die Forscher um Jürg Gertsch von der Universität Bern gezielt ausnutzen, um neuropsychiatrische Erkrankungen zu behandeln, beispielsweise Angststörungen.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg dorthin ist ihnen nun gelungen, wie die Uni Bern am Dienstag mitteilte. Im Tierversuch gelang es ihnen, mithilfe von Wirkstoffen das Endocannabinoid-System im Gehirn von Mäusen zu manipulieren und eine entzündungshemmende, schmerzstillende und angstlösende Wirkung zu erzielen. Davon berichten sie im Fachblatt „PNAS“.

Für die Wirkstoffe, die das Team um Gertsch gemeinsam mit Forschenden der ETH Zürich und Industriepartnern entwickelt hat, ließen sich die Wissenschafter von einem Naturstoff aus dem Sonnenhut (Echinacea purpurea) inspirieren. Diese Medizinalpflanze wird auch häufig bei Erkältungen angewendet und wirkt teilweise über das Endocannabinoid-System.

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Der Trick besteht darin, mit den neuen Substanzen den Transport von Endocannabinoiden ins Innere von Zellen zu verhindern, wo sie abgebaut würden. Weil dadurch mehr dieser Botenstoffe außerhalb der Zellen bleibt, können sie mit Cannabinoid-Rezeptoren auf Nerven- und Immunzellen wechselseitig wirken und diese aktivieren.

„Das Prinzip ist damit ähnlich wie bei Antidepressiva auf Basis von Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern“, erklärte Gertsch. Diese verhindern, dass Serotonin nach der Ausschüttung aus Nervenzellen wieder von diesen aufgenommen und abgebaut werden. Das erhöht die Menge an Serotonin in der Gewebeflüssigkeit des Gehirns, was depressive Symptome mildert.

„Das Endocannabinoid-System sorgt dafür, Überstimulation von Nervenverbindungen zu bremsen und ihre Aktivität zu normalisieren“, so Gertsch weiter. Dieses natürliche Bremssystem lässt sich durch die Endocannabinoid-Wiederaufnahme-Hemmer ausnutzen.

Das Schöne an diesem Ansatz sei, dass die neu entwickelten Transport-Hemmstoffe gezielt im Gehirn wirken, so dass nicht der ganze Körper mit Endocannabinoiden geflutet werde. Auf andere Organe konnten die Wissenschafter keine unerwünschten Nebenwirkungen der Behandlung feststellen. „Anfänglich gab es einen schwachen Cannabis-Effekt, also die Mäuse waren ein bisschen sediert, aber in der längeren Behandlung verflog diese Reaktion“, so Gertsch.

In das Transportsystem der Endocannabinoide einzugreifen und nicht direkt auf die Rezeptoren abzuzielen, sei nicht nur viel zielgerichteter - weil es eben nur im Gehirn wirkt -, sondern auch ein sehr sanfter Ansatz - viel sanfter als beispielsweise der therapeutische Einsatz von Cannabis. Weil das körpereigene Regulationssystem mehrfach rückgekoppelt sei, ließe sich die Behandlung auch praktisch nicht überdosieren, erklärte der Forscher.

Mit ihrer Studie hoffen die Wissenschafter den Grundstein für neue Medikamente mit wenig Nebenwirkungen zu legen. Insbesondere im Bereich stressbedingter Erkrankungen sehen Gertsch und sein Team großes Potenzial, da Endocannabinoide wichtige Stresshormone regulieren.

(S E R V I C E - Fachartikelnummer - DOI: 10.1073/pnas.1704065114)




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