Letztes Update am Di, 06.06.2017 09:39

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Neue Gedichte: Lavant-Nachlass und Lyrik-Debüt von Jochen Jung



Wien (APA) - „Das alte Spiel“: Lyrik-Debüt von Jochen Jung

Im Alter von 75 Jahren hat der Verleger und Autor Jochen Jung nun seinen ersten Lyrikband vorgelegt. „Das alte Spiel“ nennt sich der bei Haymon erschienene Band, in dem der gebürtige Deutsche einen Bogen von Alltagsbeobachtungen über zwischenmenschliche Dissonanzen bis hin zum ewigen Thema des Alterns schlägt. Über weite Strecken bedient er sich des aus der Mode gekommenen Stilmittels des Reims, was nicht immer gut geht: Da reimt sich dann „ranziger“ auf „Fünfundzwanziger“ oder „Angstkanal“ auf „banal“, „Seziertisch“ auf „Zierfisch“. Das ist bedauerlich, sind die Gedichte doch oft voller wundersamer Bilder, die den Atem der Lebenserfahrung verströmen: „Bassdröhnen, zarte Oberstimmen, / die die Daseinsfülle mimen, / und die uns davon Bilder geben, / was wir so gemeinhin Leben / nennen, nichts als Wörter, nichts als Wörter / Terzen, Quarten und Oktaven, / wir sind Partiturensklaven, / blättern um und dirigieren, / da wir nach noch mehr Büchern gieren“.

Angeordnet sind die Texte, denen nicht selten etwas Aphoristisches anhaftet, nicht etwa thematisch, sondern nach Titel geordnet alphabetisch: Von „2017“ und „Abends“ bis „Wir zwei“ und „Zwänge“. Eines der schönsten Gedichte blickt wehmütig, aber nicht ohne Stolz auf das Leben als Verleger zurück: „Auf nichts hab ich in meinem Leben länger geblickt, / als auf die weißen Seiten mit der Druckerschwärze,“ heißt es in „Die Bücher“, die wichtiger waren als der Morgenspiegel, die Wiege der Kinder oder Venedig. „ich habe nicht einmal / den Frauen meiner Umgebung / so lange nachgesehn wie denen / von Proust, Tolstoi, Virginia Woolf. / Die Frauen, ja die Frauen und die Seiten und / die Druckerschwärze ihrer Augen“. (Jochen Jung: „Das alte Spiel“, Haymon, 168 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-7099-7254-0)

„Gedichte aus dem Nachlass“: Dritter Band der Lavant-Werkausgabe

Sagenhafte 1800 Gedichte hat Christine Lavant (1915 - 1973) in ihrem Leben geschrieben, ein Großteil davon blieb jedoch unveröffentlicht. Im Wallstein Verlag ist nun der dritte Band der Werkausgabe erschienen, der nach den zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichten (Band 1) und Erzählungen (Band 2) nun eine Auswahl von Gedichten aus dem Nachlass versammelt. Die Herausgeber Doris Moser und der inzwischen verstorbene Fabjan Hafner haben 484 Gedichte ausgewählt, von denen 365 zum ersten Mal veröffentlicht werden.

Gegliedert ist der umfangreiche Band, dem ein editorischer Kommentar hintangestellt ist, durch die jeweiligen Sammlungen, aus denen die Texte stammen. So fanden die Texte zu Lavants Lebzeiten zu Freunden und Bekannten, darunter Ingeborg Teuffenbach oder Ludwig von Ficker. Der größte Teil entstammt der Sammlung Werner Beg. Als Besonderheit ist den Sammlungen Lavants erster, aber nie veröffentlichter Gedichtband „Die Nacht an den Tag“ vorangestellt, der das Werk der jungen Dichterin dem Leser näher bringt. Lediglich ihr engster Kreis verfügte 1948 über einen Bürstenabzug der Gedichte. Dort findet sich auch ein Gedicht, das die damals knapp über 20-Jährige über die Schwelle von der Kindheit zum Erwachsensein verfasste, in dem es heißt: „Es stehen um die Tale mancher Kindheit / schon die Gebirge des Erwachsenseins; / und ihre Schatten fallen schwer und breit / oft in den Zauber dieses zarten Scheins, / der dünn und gläsern ist und leicht zerbricht.“ (Christine Lavant: „Gedichte aus dem Nachlass“, hrsg. von Doris Moser und Fabjan Hafner, Wallstein Verlag, 650 Seiten, 39,90 Euro, ISBN 978-3-8353-1393-4)




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