Letztes Update am Mi, 07.06.2017 08:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wiener Festwochen - Tambwe: „Haben blutige Hände, aber sagen nichts“



Wien (APA) - Kolonialismus, Ausbeutung, kriegerische Auseinandersetzung: Es ist harter Tobak, den die Choreografin Elisabeth Bakambamba Tambwe in ihrem neuen Stück „Congo Na Chanel“ behandelt. Die im Kongo geborene Künstlerin geht damit auf die blutige Geschichte ihres Geburtslandes ein und zeigt ab 15. Juni im Performeum der Wiener Festwochen ihr Werk, das das Publikum ganz nahe heranholen soll.

APA: Wie finden Sie die Themen Ihrer Performances und entwickeln daraus eine Narration?

Elisabeth Bakambamba Tambwe: Mir geht es grundsätzlich um eine Idee von Wahrnehmung, ich arbeite dafür mit verschiedenen Werkzeugen auf der Bühne. Es wird auch das Publikum eingebunden, weil es eine sehr zentrale Position in meiner Arbeit einnimmt. Aus diesen unterschiedlichen Elementen entwickle ich etwas. Diesmal geht es beispielsweise um den Reichtum durch Bergbau im Kongo und die Ausbeutung, die dort passiert. Multinationale Konzerne sind involviert, aber die Bevölkerung vor Ort hat nichts davon. „Congo Na Chanel“ handelt davon, wie wichtig es ist, sich um diese andere Seite zu kümmern. Für uns ist es eine Ausrede, dass es so weit weg passiert. Aber für mich ist klar: Was wir hier tun, hat dort Konsequenzen.

APA: Man hat das Gefühl, dass solche Dinge angesichts anderer Krisenherde in den Hintergrund rücken...

Tambwe: Ja. Der Kongo hat viele Ressourcen, die für moderne Technologien benötigt werden. Viele Länder in Europa hängen gewissermaßen davon ab. Das möchte ich reflektieren. Jeder von uns hat ein Smartphone, hat ein Tablet. Also haben wir auch blutige Hände, aber wir sagen nichts dazu. Wie können wir also darauf reagieren, was können wir tun? Jeder von uns hat Macht, wir können die Verantwortung nicht nur auf multinationale Konzerne abwälzen - die erfüllen doch gewissermaßen unsere Wünsche. Ein wiederverwertbares Smartphone, bei dem man nicht alles wegwerfen muss, wäre ein gutes Beispiel. Überlegen Sie doch nur, wie viele Frauen für jedes Smartphone vergewaltigt werden! Die Realität ist: Es gibt keine Infrastruktur im Kongo, wir bekommen also von der Ausbeutung nicht alles mit. In den Minen schaufeln sich die Leute ihr eigenes Grab. Es ist, als ob diese Menschen nichts bedeuten würden. Ein schwieriges Thema - und auch schwierig auf die Bühne zu bringen.

APA: Wie gehen Sie dabei konkret vor?

Tambwe: Meine Idee ist, dass ich das Publikum näher heranführe. Der Raum wird dadurch verändert und soll mehr Tiefe erhalten. Als ob man in eine wunderschöne Postkartenansicht des Kongo hineingeht. Mittels Greenscreen wird man hineingezogen und verliert die Distanz dazu. Das Schlimmste für mich ist, dass wir durch unser Schweigen diese Menschen töten. Wenn man nichts tut - und das kennt man ja auch aus der österreichischen Geschichte -, dann führt man sie ins Feuer.

APA: Das Publikum ist für Ihre Arbeiten sehr wichtig. Gibt es dabei von Performance zu Performance große Unterschiede für Sie?

Tambwe: Ich kann die jeweilige Situation updaten. Ansonsten wäre ich einfach eine Tanzperformerin. Man finalisiert das Stück gewissermaßen und schaut nur, dass es in jedem Theater Platz hat und funktioniert. Da gibt es dann aber keine Unsicherheit, keinen Risikomoment. Man beruhigt die Zuseher und möchte sie glücklich machen. Ich möchte die Leute jedoch damit konfrontieren. Natürlich gibt es klare Vorgaben, natürlich weiß ich, welchen Text ich wann spreche. Aber ich adaptiere das dank der jeweiligen Energie, die ich spüre. Damit setze ich mich auch selbst einer Gefahr aus. Das Publikum begibt sich auf eine Reise, um mich zu sehen - also muss ich das auch tun. Ich darf es mir nicht bequem machen. Dadurch wird es möglich, einen neuen Ort zu erzeugen, an dem etwas entstehen kann. Das fördert auch die Auseinandersetzung. Alle Elemente sind ein „work in progress“, es gibt kein fertiges Produkt.

APA: Ihre Performance findet im neu geschaffenen Performeum statt. Wie wichtig ist der Ort für Sie als Künstlerin?

Tambwe: Du reflektierst dadurch die ganze Zeit. Ich habe ein Setting, das ich für jeden Ort adaptieren kann. Es werden Elemente verändert, verschoben, ich gehe auf die neue Umgebung ein. Das ist ja auch meine Realität: Ich wurde im Kongo geboren, wuchs in Frankreich auf, arbeitete in Italien, lebe nun seit einiger Zeit hier in Österreich und gehe wieder nach Paris, um dort etwas zu zeigen. Ich bewege mich also ständig. Und diese Bewegung bedeutet auch, dass man sich an neuen Orten mit den Gegebenheiten auseinandersetzen muss. Du suchst Lösungen: Welche Positionen funktionieren, wie sehen mich die Leute? Keinesfalls will ich mich direkt vor eine Wand stellen, denn dann hat man nur eine Perspektive.

APA: Im Performeum findet sehr viel bei diesen Festwochen statt. Was bedeutet dieser Kontext für Sie als Künstlerin?

Tambwe: Es ist eine Herausforderung, nicht nur ein Geschenk. Nur weil es ein großes Festival ist, bedeutet das ja noch lange nicht, dass alles funktionieren wird. Man verspürt also schon Druck, weil es kein einfacher Ort ist. Du musst deine eigene Position genau definieren. Gibt es für das Publikum eine fixierte Position, oder sind sie Teil der Performance? Würde man hier nur Entertainment reinpacken, dann klappt das nicht. Das Schöne ist aber, dass das Publikum sich gut durchmischen wird - neue Leute werden angesprochen, aber auch jene, die schon bisher bei den Festwochen waren. Dadurch erkenne ich die Wichtigkeit meiner Arbeit. Es kommt zu einem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Leute - und nach der Aufführung wollen sie dann nicht applaudieren, sondern einfach mit dir reden. Und das ist gut.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - Elisabeth Bakambamba Tambwe: „Congo Na Chanel“, im Rahmen der Wiener Festwochen. Am 15., 16. und 17. Juni jeweils um 19.30 Uhr in der Halle 7 des Performeum, Laxenburger Straße 2a, 1100 Wien. Konzept/Choreografie: Elisabeth Bakambamba Tambwe, Raum: Gregory Crapet, Sound: Design Elia Buletti, Licht: Martin Schwab, Projektion und Mapping: Eduardo Trivino, Videomontage und Live Image-Systeme: Nicolas Spencer, Kostüm: Stefan Röhrle. Weitere Infos sowie Tickets unter www.festwochen.at/performeum)




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