Letztes Update am Mi, 07.06.2017 09:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Betrugsprozess in Klagenfurt - „Aus Gier das Hirn ausgeschaltet“



Klagenfurt (APA) - Wegen gewerbsmäßig schweren Betrugs müssen sich seit Mittwoch ein Ungar und zwei Kärntner am Landesgericht Klagenfurt verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, im Zusammenhang mit der thermischen Sanierung von Plattenbauten in der Slowakei mit fingierten Bauaufträgen Unternehmer zur Zahlung von Millionenbeträgen verleitet zu haben. Die Schadenssumme bezifferte der Staatsanwalt mit rund 8,3 Mio. Euro.

„Für einen lukrativen Betrug bedarf es immer zweier Zutaten, eines kreativen Imponiergehabes beim Betrüger und einer massiven Gier aufseiten der Opfer. Dann kann Vermögen in großem Ausmaß verschoben werden“, erklärte Staatsanwalt Wolfgang Handler in seinem Anklagevortag. Beides sei hier zusammengetroffen.

Projekte seien vorgetäuscht worden, die man in der Baubranche als Lotto-Sechser bezeichnen könnte: Thermische Sanierungen bei Tausenden von Plattenbauten, gefördert von der EU. „Da läuft jedem Baumeister der Mörtel im Mund zusammen“, sagte der Staatsanwalt. Die Opfer, „gierig nach dem schnellen Geld“, hinterfragen nichts. „EU-Aufträge ohne Ausschreibung? - Egal. Geldübergaben auf Parkplätzen? - Wird schon passen“, schilderte Handler die Vorgangsweise.

Vorher mussten die Opfer allerdings „etwas auslegen“, für verschiedene Gebühren und Verwaltungskosten, zum Teil sogar in Millionenhöhe. Für die Täuschungsmanöver seien auch Treffen mit Politikern aus verschiedenen slowakischen Städten und hohen Beamten aus Ministerien sowie Besichtigungen inszeniert worden. Unter anderem seien nachgemachte Urkunden des slowakischen Wirtschaftsministeriums verwendet worden. „Es war hollywoodreif - ganz großes Kino“, sagte der Staatsanwalt. Auf diese Weise seien zwölf österreichische Firmen betrogen worden. Laut Staatsanwalt laufen dazu auch in der Slowakei ähnliche Verfahren. Die Opfer seien sehr blauäugig gewesen, hätten „aus Gier das Hirn ausgeschaltet“. Sie würden im Laufe des Verfahrens auch mit unangenehmen Fragen konfrontiert werden, so Handler.

Der Ungar als Erstangeklagter, der seit 2007 entmündigt und von seiner Frau besachwaltert ist, bekannte sich schuldig. Sein Verteidiger Wolfgang Auner erklärte, sein Mandant schäme sich, den Opfern das angetan zu haben und werde im Laufe des Verfahrens zur Aufklärung der Fälle beitragen. Jedoch wundere er sich schon, dass Unternehmer Geldübergeben auf Parkplätzen machen, dass sie bei Millionenbeträgen nicht nachfragen würden, führte Auner aus.

Die beiden Kärntner, ein Bauunternehmer und ein Bauleiter, bekannten sich nicht schuldig. Sein Mandant sei erst von einem Dritten auf das Geschäftsmodell aufmerksam gemacht worden und selbst auf das Konstrukt des Ungarn hineingefallen, erklärte der Verteidiger des Bauunternehmers, Hans Gradischnig. Sein Mandant sei also nicht Täter, sondern Opfer. Beim ersten Projekt habe der Angeklagte sogar selbst Geld investiert. Darüber hinaus habe er kein Geld bekommen, sonst würde er in Saus und Braus leben. Auch der Verteidiger des Bauleiters, Karl Komann, sieht keinen Schuld seines Mandanten. Er habe nichts zu dem Täuschungsmanöver beigetragen. Ihm wirft der Staatsanwalt auch nur einen Schaden von 165.000 Euro vor.

Die Hauptverhandlung wurde mit der Einvernahme der Angeklagten fortgesetzt.




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