Letztes Update am Do, 08.06.2017 08:42

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Junge Wähler in Frankreich: Der zögerliche Gang zur Urne



Paris/Pjöngjang/Seoul (APA) - Bei der Präsidentenstichwahl vor einem Monat in Frankreich hat die Wahlbeteiligung einen neuen Tiefststand erreicht. Ein Viertel der Wähler enthielten sich der Stimme - vor allem junge Wähler gingen nicht zur Wahl. Bei der Parlamentswahl am Sonntag werden trotz der spannenden Konstellation nach der Wahl des neuen Präsidenten Emmanuel Macron wohl noch mehr junge Franzosen zu Hause bleiben.

Bei der zweiten Runde der Präsidentenwahl Anfang Mai waren 34 Prozent der 18- bis 24-Jährigen nicht zur Wahl gegangen, bei den 25- bis 34-Jährigen waren es gar 40 Prozent. Die Gründe für die Stimmenthaltung sind vielfältig. Die anstehenden Parlamentswahlen stehen zudem im Schatten der Präsidentenwahlen. Die Mobilisierung der Wähler ist schwierig: Anders als bei den Präsidentenwahlen stimmt man nicht für bekannte Köpfe, die in den Medien dauerpräsent sind, sondern für oft weitgehend unbekannte, lokale Abgeordnete.

Charlotte, eine 25-jährige Werbefachfrau, gibt zu, dass sie sich wenige Tage vor der Wahl „überhaupt noch nicht“ mit den Kandidaten in ihrem Pariser Wahlkreis beschäftigt habe. „Ich glaube, wir sind uns nicht bewusst, welchen Einfluss die Parlamentswahlen haben. Viele glauben, der Präsident ist nun gewählt, er hat die Macht - und das war‘s.“

Marie (28) lebt als Illustratorin in Lyon. Sie wird wählen gehen, auch wenn das mit einem gewissen Aufwand verbunden ist. „Ich stehe noch immer auf der Wahlliste meiner Heimatgemeinde, die 600 Kilometer von Lyon entfernt liegt. Ich war vor Kurzem bei der Polizei und habe einen Antrag gestellt, damit mein Vater stellvertretend für mich wählen darf.“ In Frankreich gibt es keine Briefwahl. Vor allem junge Menschen, die häufig ihren Wohnort wechseln, machen sich nicht die Mühe, sich jedes Mal in neue Wahllisten eintragen zu lassen. Experten sehen in diesem System einen Mitgrund für die hohe Enthaltung.

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Sophie, eine 30-jährige Auktionatorin, die in der Normandie lebt, gibt auch dem Mehrheitswahlrecht eine Teilschuld an der niedrigen Beteiligung. „Ich wähle seit Jahr und Tag die Grünen. Aber mein Wahlkreis ist sehr konservativ, wir entsenden immer dieselbe Kandidatin der Republikaner in die Nationalversammlung. Meine Stimme ist eine verlorene Stimme.“ Sophie will dennoch wieder zur Wahl gehen. Aber den zweiten Wahlgang, aller Voraussicht nach ein Duell zwischen der besagten Republikanerin und einem Kandidaten der Partei von Präsident Emmanuel Macron, werde sie sich sparen, sagt sie.

Es sind gerade die Jungen, die auf der Suche nach Kandidaten sind, die nicht dem etablierten Machtapparat entstammen. Wäre es nach den 18- bis 24-Jährigen gegangen, wäre nicht Macron in die Stichwahl gegen Marine Le Pen gekommen, sondern der linksgerichtete Jean-Luc Melenchon. 30 Prozent stimmten in dieser Altersgruppe für dessen Bewegung „La France Insoumise“ („Unbeugsames Frankreich“).

Auch bei den Parlamentswahlen ist diese Bewegung Favorit bei den Jungwählern. Das Mehrheitswahlrecht sorgt aber dafür, dass sich ein gutes Wahlergebnis nicht automatisch auf die Zahl der entsendeten Abgeordneten auswirkt. Das Wahlsystem begünstigt heuer eindeutig Macrons Formation La Republique en Marche und die Republikaner. Es benachteiligt die beiden Spitzenreiter bei den Jungen: La France Insoumise und den Front National.

Dazu kommt, dass das Vertrauen in die Politik besonders unter den Jungen verschwindend gering ist. In der europaweiten Umfrage „Generation What“ sagten 48 Prozent der 18- bis 34-jährigen Franzosen, dass sie „überhaupt kein Vertrauen“ in die Politik hätten. In Österreich waren dies „nur“ 35 Prozent. Die Frage ‚Sind Politiker korrupt?‘ beantworteten die jungen Franzosen mehrheitlich (52 Prozent) mit: „Ja, eigentlich alle von ihnen“ (Österreich: 21 Prozent). Und das, obwohl der Großteil der Daten bereits vor den Enthüllungen rund um den konservativen Kandidaten Francois Fillon gesammelt worden war.

Die Enttäuschung über das etablierte politische System kann nicht losgelöst von den wirtschaftlichen Problemen der jungen Generation betrachtet werden. Die Jugendarbeitslosigkeit ist eine der höchsten in Europa. Viele Junge haben das Gefühl, dass sich die Politik nicht um ihre Anliegen kümmert. Wenige Monate vor der Präsidentenwahl glaubten laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts BVA 65 Prozent der 17- bis 24-Jährigen, dass ihre Meinung in der Politik nichts zähle.

In der französischen Politik kämen Inhalte, die Junge betreffen, kaum vor, schreibt auch der Soziologe Louis Chauvel in seinem 2016 erschienen Buch „Die Spirale der Deklassierung“, das in Frankreich viel Staub aufgewirbelt hat. „Baby-Loser“ nennt er die Generation, die trotz hoher formaler Bildung Schwierigkeiten hat, auf dem Arbeitsmarkt anzukommen und sich langfristige Perspektiven zu eröffnen.

Die „Baby-Loser“ seien politisch unterrepräsentiert. An den Schaltstellen der Macht säßen weiterhin die Baby-Boomer: 1981 kamen in der Nationalversammlung auf einen Abgeordneter über 65 Jahre zwei Abgeordnete, die jünger als 45 waren. 2012 hatte sich dieses Verhältnis umgekehrt. Es sei nur logisch, so Chauvel, dass sich die junge Generation unter diesen Voraussetzungen vom politischen Prozess entfernt.

Es gebe einen Graben zwischen Politik und eigener Lebensrealität, meint der 20-jährige Martin, der in Angouleme gerade eine Ausbildung zum Comiczeichner absolviert und bezüglich der Teilnahme an der Wahl noch unschlüssig ist: „Ich weiß, dass ich wählen gehen sollte. Ich nehme es mir übel, dass ich mich so wenig für Politik interessiere. Aber die Politikerreden und die Debatten sprechen mich einfach nicht an. Irgendwie hat das alles nichts mit mir zu tun.“




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