Letztes Update am Do, 08.06.2017 09:51

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Internationale Pressestimmen zu Parlamentswahlen in Großbritannien



London (APA/dpa) - Die internationalen Zeitungen kommentieren die Parlamentswahlen in Großbritannien am Donnerstag:

„De Standaard“ (Brüssel):

„Es stehen sich (in Großbritannien) zwei Politiker gegenüber, die nicht den Eindruck vermitteln zu wissen, wohin sie ihr Land führen. Die Rechte und die Linke graben sich ein. Beide sind noch zu überrascht vom Brexit-Schock, um sich auf andere Themen konzentrieren zu können. Größer kann der Kontrast zu den am Sonntag in Frankreich stattfindenden Parlamentswahlen nicht sein. Dort steuert Emmanuel Macron auf eine absolute Mehrheit hin. Er bereitet einen Wirbelwind von Reformen vor, die er im Sommer durchdrücken will. Seine frischen Ideen begeistern. (...)

Bei den britischen Wahlen könnten die Jüngeren für eine Überraschung gut sein. Sie haben sich beim Brexit hereinlegen lassen. Vielleicht sorgen sie nun für eine Schwächung der Premierministerin Theresa May. Die Labour Party kann davon träumen, dass sie ihrem Vorsitzenden Jeremy Corbyn oder einer Koalitionsregierung in den Sattel verhelfen. Ansonsten wird man schauen, über wie viele Mandate eine Premierministerin verfügen kann, die angekündigt hatte - falls sie genügend Macht bekommt -, ihr Land lieber in ein noch größeres Abenteuer zu stürzen, als einen schlechten Deal mit der EU abzuschließen.“

„Le Figaro“ (Paris):

„Eine starke britische Chefin könnte den Brexit verschärfen, aber auch in der Lage sein, die wütendsten Euroskeptiker in Schach zu halten. Andersrum kann eine schwache May eher geneigt sein, Zugeständnisse zu machen - aber auch versucht sein, die Flucht nach vorne anzutreten. Was einen Sieg (des Labour-Chefs Jeremy) Corbyns angeht... Kurz, wie seit Beginn des Brexit-Abenteuers sind wir im „fog“ (Nebel). Die einzige Gewissheit ist, dass diese hochkarätige Scheidung die Energie eines Europas aufsaugen wird, das wirklich an anderen Fronten zu kämpfen hat.“

„La Croix“ (Paris):

„Wohin gehen wir? Das ist die Frage, welche die Briten sich zu stellen scheinen. Der Brexit wird nicht infrage gestellt. Aber wie kann man daraus den besten Nutzen ziehen? Das Vereinigte Königreich macht den Eindruck, desorientiert zu sein. Und seine Einheit ist in Zweifel gezogen. Die Schotten, aber auch die Nordiren wollen ihre eigenen Interessen verteidigen. In Brüssel befürchtet man ein konfuses Ergebnis, das die Trennungs-Verhandlungen noch ungewisser machen würde.“

„Sme“ (Bratislava):

„Noch vor eineinhalb Monaten schien es, als hätte die Labour Party mit ihrem Programm umfangreicher Verstaatlichungen, Steuererhöhungen für Reiche und einer Atomabrüstung Großbritanniens keine Chance, die britischen Wähler anzusprechen und (der konservativen Premierministerin Theresa) May ernsthaft Konkurrenz zu machen. Die Konservativen führten in allen Umfragen mit über zwanzig Prozentpunkten Vorsprung und die Wahl schien bereits im Voraus entschieden. Doch jetzt ist alles anders. Das liegt nicht daran, dass sich (Labour-Parteichef Jeremy) Corbyn als so großartig erwiesen hätte, sondern daran, dass May im Wahlkampf ihre völlige Inkompetenz enthüllt und gezeigt hat, dass sie einfach nicht das Zeug für eine Regierungschefin hat, die Großbritannien an einem solchen Wendepunkt wie dem Brexit führen kann.“

„Nepszava“ (Budapest):

„Der Urnengang findet im Schatten des Terrors statt. Der brutale Anschlag von London stärkt unweigerlich jene, die darauf hoffen, dass die von (Premierministerin Theresa) May versprochene ‚Fortress Britain‘ (Festung Großbritannien) weitere Tragödien verhindern hilft. Das Schließen der Tore wird aber den Inselstaat nicht vor den in dessen Innerem aufgewachsenen und dort radikalisierten Jihadisten schützen.

Auch wird die vorgezogene Wahl Mays Position vor den erwartungsgemäß höchst komplizierten Brüsseler (Brexit-)Verhandlungen nicht stärken. Vor einem Jahr gaben die Briten inmitten von falschen Illusionen ihre Stimme beim (Brexit-)Referendum ab, heute aber können sie sich der ernüchternden Realität des EU-Austritts kaum mehr entziehen.“

„Lidove noviny“ (Prag):

„Theresa May ist kein so klarer Favorit wie man es erwarten würde. Wenn sie nur knapp gewinnen sollte, wäre das eigentlich eine Niederlage. Dann hätte sie für die Verhandlungen über den Brexit ein schwächeres Mandat als bisher. Und das wäre eine Ermutigung für all diejenigen auf dem europäischen Kontinent, die Großbritannien den Austritt aus der EU versalzen möchten, für all diejenigen, die nach dem Motto ‚Verlässt du mich, wirst du untergehen‘ agieren, für Politiker vom Typ eines Martin Schulz oder Jean-Claude Juncker.“




Kommentieren