Letztes Update am Do, 08.06.2017 07:54

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Aleppo: Nonnen helfen christlichen Familien im Überlebenskampf



Wien (APA) - Schwester Anne Dermerijan aus Aleppo verkündet in Wien „eine gute Nachricht“: 15 Familien sind aus dem Ausland zurückgekehrt, seit die syrische Stadt Ende 2016 von der Armee aus den Händen der Islamisten befreit wurde. Sie und vier weitere Nonnen ihres Ordens kümmern sich um hunderte christliche Familien in Aleppo, denen es an allem fehlt: Lebensmittel, Strom, Gas und ärztliche Versorgung. In Aleppo leben noch rund 35.000 Christen.

In den Heimkehrern aus Frankreich, Deutschland und Venezuela erblickt Schwester Annie vom Orden der Schwestern Jesu und Mariens (mit Sitz in Rom) ein Zeichen der Hoffnung, dass die Christen nach Vertreibung und jahrelangem Krieg noch eine Zukunft in Syrien haben. Zigtausende Christen waren in den Kriegsjahren aus Aleppo geflohen. Die verbliebenen Angehörigen diverser Kirchengemeinden arbeiten im Überlebenskampf eng zusammen. „Wir helfen einander“, sagt die Nonne im APA-Gespräch. Sie selbst ist ein ökumenisches Beispiel: Vater Armenier, Mutter griechisch-orthodox, sie selbst Katholikin.

Keine andere Stadt des Landes war im Krieg so hart umkämpft wie die nordsyrische Metropole Aleppo. Im Dezember wurde sie von der Armee erobert und steht seither unter Kontrolle der Truppen von Präsident Bashar al-Assad. Zuletzt habe sich die Sicherheitslage wesentlich gebessert, schildert Schwester Annie. Die Spannungen und die Ängste der Bevölkerung seien gewichen. Man könne sich frei bewegen. Doch im Alltag gehe es ums Überleben. Ein harter Winter liege hinter den Bewohnern. Kinder und alte allein stehende Menschen waren am stärksten betroffen. Viele konnten sich Operationen nicht leisten und starben.

Bei Kriegsausbruch zögerten die Nonnen nicht: Sie wechselten vom Schuldienst zur humanitären Hilfe. Freiwillige Helfer wurden rekrutiert. Die kirchliche NGO „Kirche in Not“ startete Hilfsprojekte und spendete Geld für die Notleidenden. Als wichtiges Projekt nennt die Ordensfrau Tankwägen, mit denen die Wassertanks aufgefüllt werden. Stromausfälle sind häufig, Treibstoff ist horrend teuer. Schwester Annie: „Seit drei Jahren zahlen wir für hunderte Familien.“ In Kooperation mit „Kirche in Not“ werden die Familien mit Wasser, Strom und Gas versorgt.

Die 52-jährige Nonne, die mit ihren Mitschwestern zwischen Damaskus und Aleppo pendelt, nennt Zahlen: 2.000 Familien wurden mit Wasser versorgt, 700 mit Treibstoff, fast 800 Familien erhielten Bargeld, für über 80 Familien, deren Häuser zerstört waren, wurden Mietwohnungen bezahlt. Dazu kommt die medizinische Hilfe. Zu Kriegsbeginn seien Ärzte geflohen, etliche entführt worden. Aber jetzt funktionierten wieder viele Spitäler.

Ein weiterer Einsatzort, wo die Schwestern Hilfe leisten, ist Hassakiye im Norden. 2013 machte sich Schwester Annie dort ein Bild von der Lage. Vor Ort koordiniert ein syrisch-orthodoxer Priester mit einem Team von Freiwilligen die Hilfe. Die Nonnen senden Hilfsgüter und Spendengelder. Rund 300 Familien in Hassakiye kam die Unterstützung zugute. Auch zahlreiche armenische Familien werden im Rahmen von „Kirche in Not“-Projekten versorgt.

Selbst in den schlimmsten Kriegszeiten waren die Nonnen an Ort und Stelle. Sie betreuen zumeist Christen. „Doch wir schließen die Tore nicht, wenn jemand anklopft“, sagt Schwester Annie. Das gelte auch für Muslime. Vor dem Krieg war das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in Syrien gut. „Man fragte nicht, ob jemand Christ oder Muslim war. Wir wuchsen miteinander auf, respektierten einander.“ Der Krieg habe die Menschen gespalten. Doch in Landesteilen, die nicht von Islamisten, sondern der Assad-Regierung beherrscht werden, kämen Christen und Muslime weiter gut miteinander aus.

Zur Politik will sich die Ordensfrau nicht äußern. Nur so viel: „Vieles, was in Syrien geschah, kam von außen, Gewalt und Hass.“ Ob es in Syrien auch gemäßigte Rebellen gebe? Sie könne keine sehen, meinte sie. Von Moderaten erwarte man, dass sie am Tisch sitzen, um zu verhandeln. Kritik übt die Schwester an den Medien, die von Kriegsbeginn an oftmals falsche Stories und Bilder im Westen verbreitet und überhaupt „parteiisch“ und „einseitig“ berichtet hätten. „Journalisten haben eine Mission. Sie sollen die Wahrheit verbreiten.“

Auf die Chancen einer Rückkehr von Flüchtlingen angesprochen, sagt Schwester Annie, für eine Aussöhnung bedürfe es des Dialogs. Kirchenvertreter und andere Engagierte bemühten sich darum. „Das braucht Zeit.“ Viele Seelen seien in dem grausamen Krieg zerbrochen. Erfreuliches berichtet sie über die öffentlichen Marien-Prozessionen in Damaskus und Aleppo zum 100-jährigen Fatima-Jubiläum. Viele Muslime hätten dies positiv aufgenommen. Am 13. Mai wurde Aleppo der Muttergottes geweiht.

Sr. Annie kam auf Einladung der Hilfsorganisation „Kirche in Not“ nach Österreich. In der „Langen Nacht der Kirchen“ am Freitag wird sie um 21.00 Uhr in der Wiener Schottenkirche über die Lage in Syrien berichten.




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