Letztes Update am Do, 08.06.2017 10:18

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Orange is the New Black“, Staffel 5: „Alles und jede ist in Gefahr“



Berlin (APA) - Wenn am morgigen Freitag Staffel 5 von „Orange is the New Black“ auf Netflix startet, heißt es, an den bisher dunkelsten Moment der viel gepriesenen Serie anzuknüpfen. Der Tod einer schwarzen Insassin durch die Hände eines weißen Gefängniswärters im Frauengefängnis Litchfield spiegelte reale Fälle von Polizeigewalt - und zieht, wie mit „Black Lives Matter“ in der Realität, Widerstand nach sich.

Die neue Staffel, verraten Darstellerinnen Uzo Aduba und Kate Mulgrew im Gespräch in Berlin, knüpft direkt an den Moment beginnender Revolte an: Daya (verkörpert von Dascha Polanco) hält dem tyrannischen Wärter Humphrey eine Pistole an die Schläfe - umringt von sie anfeuernden Insassinnen, für die der Tod einer der ihren das Fass zum Überlaufen bringt. „Viele der Frauen stehen seit geraumer Zeit unter immensem Druck“, sagt Aduba, die für ihre Darstellung der psychisch zuletzt massiv angeschlagenen Suzanne „Crazy Eyes“ Warren bereits zwei Emmys gewonnen hat. „Nun, da noch mehr auf dem Spiel steht, sehen wir, wie sie mit diesem Druck umgehen, wie weit sie gehen würden, um zu überleben.“

Inmitten der Neuordnung des Gefängnisses durch die Häftlinge selbst reagieren nicht alle so, wie man es sich erwarten würde. „Manche der Frauen, von denen man vermutet, sie würden das gut wegstecken, fallen auseinander. Und umgekehrt“, kündigt Mulgrew, Darstellerin der resoluten Galina „Red“ Reznikov, an. „Alles und jede ist in Gefahr.“ Das Besondere dabei: Die „Studie der Gegensätze“, wie die 62-Jährige die Staffel beschreibt, wird geradlinig und gefühlt in Echtzeit erzählt, spielt sie sich doch innerhalb von nur drei Tagen ab. „Chaos bricht aus. Und inmitten dieses Chaos greift Jenji Charaktere heraus - sie fokussiert auf Red oder Crazy Eyes und begleitet sie auf ihrer Reise, bis wir auf ein anderes Element von Chaos stoßen.“

Die Rede ist von Serienschöpferin Jenji Kohan, die ihrer „Dramedy“ von Beginn an neben einer humoristischen Note auch gesellschaftspolitische Relevanz verliehen hat. Zuletzt geschah dies offener und wurde die Serie düsterer, setzte sich die vierte Staffel doch verstärkt mit jenen Ungerechtigkeiten und Missständen im US-amerikanischen Gefängnis- und Justizsystem auseinander, die die „Black Lives Matter“-Bewegung hervorgerufen hatten. Das Finale gewann nicht zuletzt deshalb an Tragik, weil es Parallelen zu Todesfällen wie jenem von Eric Garner aufwies, der 2014 in New York bei einer gewaltsamen Festnahme durch den Würgegriff eines Polizisten starb.

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In den 13 neuen Folgen greife Kohan offene Fragen auf, verspricht Aduba. „Und sie wirft noch einiges mehr in den Topf.“ Neben Provokation, so Mulgrew, gehe es Kohan, die bereits für Staffeln sechs und sieben zugesagt hat, vor allem um Aufklärung. „Sie ist eine Intellektuelle, die an Fragen analytisch herangeht: Was bedeutet es, wenn man ein Gefängnis privatisiert und überbelegt?“, so Mulgrew. „Sie spielt das durch, treibt es auf die Spitze. Am Ende ist man gebannt, zugleich aber wesentlich informierter als zuvor.“

Hat „Orange is the New Black“ 2013 ihren Ausgang mit der (wahren) Geschichte der eigentlich gut situierten, wegen einer „Jugendsünde“ inhaftierten Piper Chapman (Taylor Schilling) genommen, entwickelte sich die Netflix-Eigenproduktion kontinuierlich zu einem starken Ensembledrama, in dem die Geschichten von Frauen unterschiedlichster Gesellschaftsschichten, Herkunft und sexueller Orientierung erzählt werden. „Es ist befreiend, authentische Frauen auf dem Bildschirm zu sehen. Sie alle stehen für echte Frauen, die wir üblicherweise nicht zu sehen bekommen“, schwärmt Mulgrew. Es gehe um die „dunkle Seite in uns allen“ - und darum, „wie diese Frauen zusammenhalten, und was es mit ihnen macht, wenn sie auseinanderbrechen“.

„Frauen verfügen über ungemeine Ausdauer und Kraft“, ist Mulgrew von der diesbezüglichen Überlegenheit gegenüber Männern überzeugt. „Biologisch, emotional und psychisch sind wir darauf ausgelegt, einen langen Atem zu haben. Immerhin bringen wir Leben in die Welt - und wissen, welche Verantwortung das mit sich bringt.“ Die US-Amerikanerin zählt seit ihrer Darstellung der ersten weiblichen „Star Trek“-Offizierin Mitte der 90er-Jahre zu den feministischen Vorreiterinnen Hollywoods - und setzte sich als überzeugte Demokratin im US-Wahlkampf 2016 für Hillary Clinton ein. „Es ist unglaublich, was sie durchmachen musste, und was sie alles überstanden hat“, zeigt sich Mulgrew bestürzt über den auch von sexistischen Untergriffen geprägten Wahlkampf. „Sie ist über 18 Monate einen langsamen Tod durch tausend Stiche gestorben. Und dann kommt James Comey - und es ist vorbei. Es macht mich so wütend.“

Auch einige Monate nach dem überraschenden Wahlausgang wirken Mulgrew und ihre 36-jährige Kollegin geschockt, aber voller Tatendrang. „Was gerade in meinem Land passiert, ist inakzeptabel, und ich werde alles tun, um das aufzuhalten“, so Mulgrew über ihren Plan, bei den Halbzeitwahlen 2018 aktiv demokratische Politiker zu unterstützen. Gemeinsam mit Aduba marschierte sie am Tag nach der Vereidigung Donald Trumps als US-Präsident beim Women‘s March in Washington mit, „das war ein herausragendes Gefühl“. Für Aduba ist es damit aber nicht getan. „Bei Clinton hat sich gezeigt, dass es ein falsches Narrativ bezüglich ihrer Persönlichkeit und Führungsqualität gibt, das sich tief in die Köpfe der Menschen eingebrannt hat“, meint die Schauspielerin. „Wir als Land müssen uns mit diesem bereits lange währenden, systemrelevanten Konzept auseinandersetzen, was es heißt, eine Frau zu sein.“

(S E R V I C E - www.netflix.com/at/title/70242311, Trailer zur 5. Staffel: https://youtu.be/NzJATbm8U98)




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