Letztes Update am Do, 08.06.2017 10:39

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Eine Wohnung als Hauptdarsteller: toxic dreams im brut Wien



Wien (APA) - „Home of the Not so Brave“ nennt die freie Performancegruppe toxic dreams ihre neue Produktion, die das hält, was sie im Titel verspricht: Im Zentrum der Bühne im brut Wien steht das Apartment Nummer 12, das Heim vieler nicht so Mutiger, die sich im Laufe von 80 Jahren hier eingemietet haben und ihre mehr oder weniger durchschnittlichen Leben in der Wiener Altbauwohnung führen. Ein Ereignis.

Es ist wohl eine der konventionellsten Inszenierungen, die Mastermind Yosi Wanunu und seine Truppe in den vergangenen Jahren auf die Bühne gebracht haben, und dennoch funktioniert dieses Setting, das bei der Premiere am gestrigen Mittwoch in strengen Kulissen und mit viel Liebe zum realistischen Detail umgesetzt wurde, hervorragend. Über zwei pausenlose Stunden hinweg bevölkern Susanne Gschwendtner, Anna Mendelssohn, Markus Zett und Isabella-Nora Händler die Wohnküche des Apartments No. 12, das sein Gesicht von den 1930er Jahren bis ins Jahr 2017 ebensooft verändert wie neue Mieter sich einfinden. Ihre „Stories“, wie es im Untertitel heißt, umreißt ein Erzähler (Howard Nightingall) poetisch aus dem Off, eine Handvoll fleißiger Bühnenarbeiter schafft zu Trompetenklängen von Alexander Kranabetter den jeweils nötigen Rahmen.

Dieser besteht zum Auftakt aus einer Küchenkredenz, einem Holzofen und einem massiven Holztisch, um den sich die vier Geschwister Adler einfinden: Sie sind die Nachkommen einer jüdischen Schausteller-Familie im Wien der 1930er Jahre und versuchen, das künstlerische Erbe ihrer Eltern fortzuführen. Vier Einzelgänger auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. Bevor man sich mit ihnen anfreunden kann, schwinden die Kulissen, und die weiße Wand weicht einer orange-braunen Hippie-Einrichtung Anfang der 1970er: Die Wohnung ist nun Schauplatz einer lesbischen Beziehung, die unter dem gesellschaftlichen Druck leidet, zur jährlichen Weihnachtsfeier den (männlichen) Ehepartner mitzubringen. Die innige Beziehung der Frauen offenbart ihre Brüchigkeit.

Durch bloßes Wenden der Kücheneinrichtung wird die Szenerie alsbald in die 2000er verwandelt, die Wohnung steht leer, eine Maklerin müht sich mit dem überschäumenden Ego eines App-Entwicklers, der allein in die große Altbauwohnung einziehen will und nicht vor hat, in dieser Küche tatsächlich zu kochen. Dafür kehrt er ein paar Szenen später wieder, um mit seinen Hipster-Freunden eine Party zu Ehren seines App-Erfolgs zu feiern. Leere Worthülsen stülpen sich über die nun wieder ganz weiße Einrichtung, nichts zeugt von der wechselvollen Geschichte dieser vier Wände, in der ein anderer Mann über den Hund der Nachbarin verrückt geworden ist oder eine junge Mutter mit den Geistern ihrer bei einem Flugzeugabsturz gestorbenen Familie spricht.

Nur kurz werden die zahlreichen Schicksale angesprochen, die Flüchtigkeit des Lebens spiegelt sich in der Konstante der Wohnung. In vierzehn Szenen taucht das Publikum immer wieder ein in diese Leben, von denen am Ende nichts geblieben ist. Hier wurde gekocht und nicht gekocht, gestritten, gefeiert und geliebt - und dann kommt die Renovierungsfirma und die Maklerin, und am Ende erinnert nichts an die Schicksale, die sich hier abgespielt haben, an die Songs, die hier auf Wien und seine Möglichkeiten gesungen wurden. Ein intensiver, kurzweiliger Abend, der noch lange nachhallt, wenn auch in den eigenen vier Wänden.

(S E R V I C E - toxic dreams: „Home of the Not so Brave. Stories from Apartment No. 12“, im brut Wien, in englischer Sprache. Text und Regie: Yosi Wanunu. Mit Susanne Gschwendtner, Anna Mendelssohn, Markus Zett und Isabella-Nora Händler. Trompete: Alexander Kranabetter. Weitere Termine: 8. bis 10., 13. und 14. Juni, 20 Uhr. Infos und Tickets unter www.brut-wien.at)




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