Letztes Update am Do, 08.06.2017 10:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Alltag von Muslimen in Österreich wird weniger von Religion geprägt



Wien (APA) - Muslime in Österreich haben vielfältige Zugänge zur Religion. Eine aktuelle Langzeitstudie mit 700 Teilnehmern mit muslimischem Glauben stellte nun fest, dass die religiöse Prägung im Alltag der Muslime abnehme. Demnach gehe die Entwicklung hin zu einem säkularen Islam. Auch sollen sich viele Muslime nicht von Moscheevereinen vertreten fühlen.

„Eine breite Mehrheit der Muslime in Österreich befindet sich in einem Säkularisierungsprozess“, resümierte einer der Studienautoren Ednan Aslan, Professor für Islamische Religionspädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Uni Wien, gegenüber der APA. Rund 40 Prozent der Studienteilnehmer würde sich zwar als Muslime bezeichnen, die Religion präge aber nicht ihren Alltag, so der österreichisch-türkische Pädagoge. 25 Prozent davon sind nach eigenen Angaben Muslime aus „kultureller Gewohnheit“. Die religiöse Praxis hätte situativen Charakter, wie das Fasten im Ramadan. Für die übrigen rund 15 Prozent bestehe die Religionszugehörigkeit, ähnlich wie bei „Taufscheinchristen“, überhaupt nur mehr auf dem Papier.

Rund 60 Prozent der Befragten wurden in der Studie als hoch religiös eingestuft, 14 Prozent davon sehen die fünf religiösen Säulen des Islam (wie das Glaubensbekenntnis, Gebet und Wallfahrt nach Mekka, Anm.) als unumstößliche Pflichten im Alltag an. Sie stehen der Trennung von Staat und Religion und anderen Religionen ablehnend gegenüber. Knapp die Hälfte hätte einen pragmatischen Zugang zur Religion, bei der die Religiosität der jeweiligen Situation, wie dem Arbeitsplatz, angepasst wird. Rund 15 Prozent hätten einen selbstbestimmten Zugang zur Religion, der auch in Widerspruch zu traditionellen Praktiken stehen kann, etwa bei der Einhaltung der Gebetszeit. Diese Gruppe zeigte auch eine weltoffenere und liberalere Haltung.

„Die klassische Lehre der Imame entspricht nicht mehr den Erwartungen der Gesellschaft“, beobachtete einer der Studienautoren Erol Yildiz vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck. Demnach würde sich die Mehrheit der Muslime in Österreich, knapp 80 Prozent, nicht von Moscheevereinen vertreten.

Fünf Jahre lang arbeiteten die Studienautoren für die Erstellung und Auswertung der Studie „Muslimische Milieus in Österreich“ die am Institut für Islamische Studien der Universität Wien durchgeführt wurde. Aus den wissenschaftlichen Interviews und Fragebögen leiteten die Autoren fünf Praxisformen ab, die von einer stark konservativen geprägten bis weltoffenen Religiosität reichen. Entsprechend der Bevölkerungsstatistik zu Muslimen in Österreich (2001) besaß der größte Teil der befragten Muslime eine österreichische Staatsbürgerschaft, gefolgt von Muslimen mit bosnischer, türkischer und arabischer Staatsangehörigkeit. In Bezug auf das Herkunftsland zeichnete sich ab, dass in Metropolen eher extremere Praxisformen praktiziert werden, während in ländlichen Gegenden ein eher pragmatischer Zugang vorherrscht.

Eine Besonderheit der Studie ist, dass der Fokus der Untersuchung nicht auf islamischen Organisationen, Moscheegemeinden oder religiösen Einrichtungen liegt, sondern auf der religiösen Alltagspraxis. Zudem wurden nur Menschen befragt, die sich selbst als „Muslim“ bezeichnen.




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