Letztes Update am Do, 08.06.2017 11:21

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Das NS-Massaker von Lidice im Spiegel der Kunst



Prag (APA/dpa) - Vor 75 Jahren umstellten SS-Offiziere und deutsche Schutzpolizisten das böhmische Bergarbeiterdorf Lidice. Sie ließen niemanden mehr heraus, trieben alle insgesamt 199 männlichen Einwohner zusammen und metzelten sie am Morgen des 10. Juni 1942 mit Maschinengewehr-Salven nieder. Die Frauen und Kinder wurden verschleppt oder in Konzentrationslagern umgebracht.

Am Abend meldete der deutsche Rundfunk die Erfüllung des Befehls Adolf Hitlers: „Die Gebäude des Ortes sind dem Erdboden gleichgemacht, und der Name der Gemeinde ist ausgelöscht worden.“ Genau 25 Jahre später las der Berliner Galerist Rene Block eine kleine Meldung in einer Zeitung: Es war ein Aufruf an die Künstler der Welt, Werke für ein geplantes Museum in Lidice zu spenden. „Ich wusste damals nichts von Lidice. Der Aufruf war Anlass, mich mit dem Ort und seiner Geschichte zu beschäftigen“, sagt er heute. Er gab die Bitte an 21 Künstler weiter, mit denen er gerade zusammenarbeitete, und alle stimmten zu. Darunter Namen wie Joseph Beuys, KP Brehmer, Sigmar Polke, Gerhard Richter und Wolf Vostell.

„Die Künstler hatten - mit Ausnahme von Beuys, der Soldat war - den Krieg als Kinder erlebt oder aber wie ich nicht erlebt“, erklärt Block. Heute sind sie Ikonen der Nachkriegskunst, doch 1967 „krähte kein Hahn nach ihnen, wurden sie eher verlacht oder ignoriert“. Die Schau „Hommage a Lidice“ war zuerst in Berlin zu sehen, dann in Prag, doch dann marschierten Truppen des Warschauer Paktes in der CSSR ein, um die Demokratiebewegung „Prager Frühling“ niederzuschlagen. Die Werke wurden in Sicherheit gebracht.

Block wiederholte seinen Aufruf an jeweils neue Künstlergenerationen noch zweimal, erst 1997 und dann in diesem Jahr. Zu sehen sind alle Werke nun in einer neuen Dauerausstellung in Lidice. Inzwischen weiß man auch mehr über die Täter von damals: Nach Darstellung des Historikers Stefan Klemp töteten nicht nur SS-Offiziere, sondern gewöhnliche Schutzpolizisten. Und dies auf den falschen Verdacht hin, dass eine Spur zu den Attentätern des SS-Führers Reinhard Heydrich in das Dorf führte. Heydrich war am 27. Mai 1942 von tschechischen Widerstandskämpfern angegriffen worden und einige Tage später gestorben. Am 9. Juni 1942 wurde er unter großem Pomp in Berlin beigesetzt.

Eines der wichtigsten Bilder in der heutigen Sammlung ist „Onkel Rudi“: Der aus Dresden stammende Gerhard Richter malte seinen Verwandten nach einem Familienfoto in Wehrmachtsuniform. Das Bild zeige die ganze Schizophrenie des Krieges, sagt Block: „Wie kann ein Soldat der deutschen Wehrmacht gleichzeitig ein guter Onkel sein?“ Auch wenn viele Soldaten darunter gelitten hätten, was sie anrichten mussten, sei die erste Reaktion beim Anblick der Uniform doch Entsetzen und Wut. „Und dieses Bild gibt keine Antwort, im Gegenteil, es eröffnet Fragen.“

Das sind Fragen, die sich auch den Überlebenden des Massakers stellten. Veronika Kellerova, Bürgermeisterin der nach dem Krieg an neuer Stelle wiederaufgebauten Gemeinde Lidice, sagt: „Ich will nicht lügen: Einigen der überlebenden Frauen von Lidice gefiel das Bild nicht oder sie hielten es für unpassend.“ Insgesamt sei man aber froh, dass es die Kunstsammlung gibt, sagt die Ortsvorsteherin, deren Großmutter das Massaker überlebt hatte. Denn: „Sie ist ein Aufruf, dass Kriege nie wieder stattfinden dürfen.“




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